Ist das Deutschlandlied polnisches Kulturgut?

Veröffentlicht: Freitag, 12. Januar 2018 Drucken E-Mail

Vom Schicksal geraubter deutscher Kunstschätze in Rußland und Polen

Es ist ein in der jüngeren Geschichte wohl einmaliger Vorgang, daß sich nach der Katastrophe von 1945 noch immer große Teile des geraubten deutschen Kulturerbes in den Händen Rußlands und Polens befinden und von diesen Staaten unter Bruch bilateraler Verträge und der Haager Landkriegsordnung zu nationalem Eigentum erklärt worden. Statt beharrlich auf Vertragserfüllung und Rückgabe zu bestehen, hat die bundesdeutsche Politik einem auf der Gegenseite als Schwäche verstandenen Gebot der Freundschaft und Verständigung den Vorzug gegeben und befindet sich in einer Einbahnstraße.

Auf Schatzsuche in Moskau und Petersburg

Aus den am Kriegsende zerbombten und ausgebrannten Berliner Museen wurden alle nicht zerstörten Kulturgüter in Bergwerksstollen, weniger gefährdete Landgüter und Klöster sowie in Kellerräume und den Flakbunker Friedrichshain ausgelagert. Nach der Eroberung durch die Rote Armee fuhren Tag und Nacht mit Beutegut voll gefüllte LKWs und Güterzüge Richtung Osten, die nach sowjetischen Angaben um 1,2 Millionen Kunstgegenstände umfaßten (deutsche Angaben gehen von höheren Zahlen aus).

Sowjetmarschall Schukow und andere Marschälle dirigierten überdies ganze Waggonladungen an ihre Privatadressen, so daß sogar „Väterchen“ Stalin eine Hausdurchsuchung bei Schukow vornehmen ließ.

Aus dem sowjetischen Machtbereich wurden u.a. folgende geraubten deutschen Kunstschätze nach Petersburg und Moskau abtransportiert:

 Der „Schatz des Priamos“und der „Eberswalder Goldschatz“ aus Berlin

5200 Objekte der Berliner Ostasiensammlung

2335 Gemälde u.a. von Rembrandt, Rubens, Cranach, Tizian und Menzel

aus Museen in Berlin, Gotha, Stolberg und Dessau

101.000 Zeichnungen und Grafiken verschiedener Museen

789 Skulpturen aus Berlin und Dresden

489.815 Bücher aus Berlin, Dresden, Meiningen, Gotha und Leipzig

Historische Waffen und Militaria aus Berlin, Dresden und der Wartburg

3.300 historische Musikinstrumente aus Berlin

1.200 mittelalterliche Handschriften aus Hamburg

Tausende von Filmen aus dem Berliner Reichsfilmarchiv

Ungeklärt ist der Verbleib von 440 Gemälden aus dem ausgebrannten Flakbunker Berlin-Friedrichshain, während der als verschollen gegoltene Troja-Schatz von Schliemann im Jahre 1996 überraschend in Moskau präsentiert wurde. Obwohl die „brüderliche“ DDR in den 50iger Jahren für die Dresdner Gemäldegalerie immerhin wertvolle Gemälde zurück erhielt und 1977 völkerkundliche Objekte nach Leipzig gelangten, revidierte die Sowjetunion nach dem Tauwetter der Perestroika und trotz milliardenschwerer bundesdeutscher Finanzvorleistungen ihre Politik grundlegend.

Zwar legten der deutsch-sowjetische Nachbarschaftsvertrag von 1990 sowie das deutsch-russische Kulturabkommen von 1992 fest, daß „…verschollene oder unrechtmäßig verbrachte Kunstschätze“ aus dem jeweiligen Hoheitsgebiet zurückgegeben werden sollen, doch nach langjährigen, ergebnislosen Verhandlungen wurde das geraubte Kulturgut 1998 von der Duma zum russischen Eigentum erklärt.

Was macht das Deutschlandlied in Krakau?

Die Haager Landkriegsordnung (HLO) von 1907 untersagt nicht nur die Annexion von angestammten Siedlungsgebieten und die Vertreibung der Bevölkerung, sondern auch die Aneignung von Privateigentum und nationalen Kulturgütern.

Gegen diese eindeutigen Bestimmungen des Völkerrechts hat neben Rußland und der Ukraine auch Polen verstoßen, indem es die Rückgabe der aufgrund des Bombenkrieges nach Ostdeutschland ausgelagerten Kulturgüter verweigert. Im deutsch-polnischen Nachbarschaftsvertrag von 1991 wurde vereinbart, daß man bestrebt sei „…die Probleme im Zusammenhang mit Kulturgütern und Archivalien, beginnend mit Einzelfällen, zu lösen“. Doch selbst bei diesen Einzelfällen war Polen bisher zu keinen Konzessionen bereit und stellt sogar Gegenforderungen.

...Von den u.a. in das schlesische Kloster Grüssau mit 550 Kisten ausgelagerten deutschen Kulturgütern befinden sich u.a. in der Krakauer Jagiellonenbibliothek:

700.000 Bände der Berliner Staatsbibliothek

Werke von Bach, Beethoven, Schumann, Schubert, Brahms usw.

Handschriftliche Nachlässe W.A. Mozarts

Teile von Luthers Übersetzungen aus dem A.T.

Ein Teil von Goethes Faust

Die „Handschrift O“ des Nibelungenliedes

Nachlässe von Alexander von Humboldt

Das Deutschlandlied und weitere Nachlässe von Hoffmann v.Fallersleben

Schriftstücke von Schiller, Goethe, Kleist, Herder

20.000 Notenhandschriften

210.000 Autographen (handgeschriebene Schriftstücke)

Diese beeindruckende und zugleich bedrückende Raubkunstsammlung wird –da überwiegend aus Berliner Museumsbesitz stammend - sinnigerweise als „Berlinka“ bezeichnet. Polen vereinnahmt dieses für Deutschland unverzichtbare Kulturerbe

offiziell seit 2007 nicht nur als polnisches Eigentum, da es ja - im Unterschied zur russischen Praxis- angeblich keine „Beutekunst“ war und betrachtet es auch als „Kompensation vernichteten oder geraubten polnischen Kulturgutes während des Krieges“. Angesichts dieses seltsamen Rechtsstandpunktes überrascht es nicht, daß der polnische Premier Tusk seinen russischen Kollegen Putin um Rückgabe „polnischer Beutekunst“ bat, worunter sich neben einigen deutschen Meisterwerken auch das aus der Glogauer Stiftskirche verschwundene Werk Lucas Cranachs „Madonna mit dem Kind“ befand.

Wie wichtig ist unser nationales Kulturerbe?

Im Gegensatz zu dem völkerrechtswidrigen Verhalten Rußlands, Polens und der Ukraine haben die ehemaligen Sowjetrepubliken Georgien 1996 und Armenien 1998 trotz russischer Proteste ihre einbehaltenen deutschen Kunstschätze zurückgegeben, während Polen sich nicht scheute, auch die Rückgabe aller in Deutschland lagernden Archivbestände aus den Gebieten östlich von Oder und Neiße zu fordern! Dieser „freundlichen“ Aufforderung mochte sich ganz offensichtlich die deutsche Bischofskonferenz nicht verschließen, als sie 2001 eine Vereinbarung mit ihren polnischen Brüdern unterzeichnete, die die Übergabe von 3.361 deutschen Kirchenbüchern u.a. aus Ostpreußen, Danzig und Stettin an die polnische Seite zum Gegenstand hatte. Diese Kirchenbücher wären –so die merkwürdige Begründung - kein deutsches Kulturerbe, sondern unterlägen dem kanonischen Kirchenrecht.

...Diese deutschen Vorleistungen stoßen wie die Rückgabe des „Posener Goldschatzes“ und des Ferber-Altars als Zeichen des guten Willens an Polen auf wenig Gegenliebe, werden als schlechtes Gewissen interpretiert, führen zu keinen Gegenleistungen und ermuntern die andere Seite zu immer neuen Forderungen. Nicht sehr hilfreich war es auch, die betreffenden Staaten mit Milliardensummen zu unterstützen oder zu entschulden und den EU-Beitritt Polens zu befürworten, ohne der Rückgabe des Raubgutes nur einen Schritt näher zu kommen.

...Die Frage sei erlaubt: Wie wichtig ist der bundesdeutschen Führung das gemeinsame Kulturerbe unseres Volkes als unverzichtbarer Teil seiner Identität, wie wichtig ist seinen Verantwortlichen die Originalfassung der deutschen Nationalhymne oder Beethovens 9. Sinfonie? Welcher andere Staat würde nicht alles daran setzen, sein unverbrüchliches nationales Erbe wieder zu erlangen? Dieses Bemühen vermag ich bei unserer Führungselite nicht zu erkennen. Stattdessen hören wir von den guten Beziehungen zu unseren Nachbarn Polen und Rußland und vernehmen, wie die Frau Kanzlerin auf der Danziger Westerplatte von ewiger deutscher Schuld und Scham erzählt und sich ausgerechnet bei den Siegesfeiern in Moskau für die Befreiung durch die ruhmreiche Sowjetarmee bedankt, während der Herr Bundespräsident in Breslau von den „deutschen Bewohnern, die weggezogen sind“, plaudert.

Hand aufs Herz: Welcher normale Russe oder Pole sollte solchen Repräsentanten noch freiwillig ein Gemälde von Menzel oder eine Sonate von Beethoven zurückgeben?

Gerd Kresse

Veröffentlicht in „Der Schlesier“ 7-8/2012