„Die rote deutsche Kuh“

Veröffentlicht: Freitag, 05. Januar 2018 Drucken E-Mail

Eine hervorragende Leistung deutscher Kolonisten des Schwarzmeergebiets.

Im Süden Rußlands war das graue ukrainische Steppenrind seit Urzeiten zu Hause. Es war eine gesunde Rasse, die sich dem Steppenklima angepaßt hatte, und die gängigen kräftigen Arbeitsochsen mit den schönen langen Hörnern lieferte. Einst besorgten sie den gesamten Warenverkehr bis weit über das Steppengebiet hinaus. Ganze Kolonnen (Tschumaki) waren monatelang auf der Reise. Die Bahn und das Auto haben diese Arbeit übernommen und der Schlepper hat dieser Rasse den Todesstoß versetzt. Am Anfang dieses Jahrhunderts hat man den Versuch unternommen diese Rasse auf die Milch und Fleischrichtung umzuzüchten.

Beide Zuchtrichtungen haben jedoch im Süden Rußlands starke Konkurenten aufzuweisen. Für die Milchrichtung ist es die ,,rote deutsche Kuh”, die sich dem Steppenklima angepaßt hat.

Bei der Besiedelung des Schwarzmeergebietes mit Griechen, Bulgaren, Serben, Juden und Deutschen mußte man auf das einheimische graue ukrainische Steppenrind zurückgreifen. Die geringe Milchleistung befriedigte jedoch trotz des hohen Fettgehaltes die deutschen Kolonisten nicht. Sie haben deshalb aus der alten Heimat Zuchtvieh der verschiedensten deutschen Schläge mitgenommen. Die Zahlenmäßig starke Gruppe der Mennoniten hat den ostfriesischen Schlag mitgebracht.

Über die weitere Entwicklung hat der bedeutende Organisator und Inspektor der deutschen Kolonien Johann Komis im Journal der russischen landwirtschaftlichen Gesellschaft im Jahre 1839 berichtet: „Die Rasse der hier, sogenannten deutschen Kühe der molotschnaer Mennoniten stammt aus Ostfriesland.

 Sie wurden von den Mennoniten bei ihrer Auswanderung aus Preußen im Jahre 1804 in großer Anzahl nach der Molotschna mitgebracht. Weil aber die Zahl der ostfriesischen Kühe für die Wirtschaft der Mennoniten unzureichend war, kam man auf den Gedanken, diesen Übelstand durch Veredelung des einheimischen (graue ukrainischen) durch ostfriesische Zuchttiere abzuhelfen. Das ist vollkommen gelungen und wird bis heute (1939) mit großem Erfolg fortgesetzt, da diese veredelten Kühe fast in keiner Beziehung den echten ostfriesischen nachstehen, weder in Wuchs, noch in Farbe, noch in den Eigenschaften (Milchleistung), allein mit dem Unterschiede, daß sie sich die beständige Ruhe und Sanftmut noch nicht angeeignet haben, die der ostfriesischen eigen sind. Allein die Reinzucht des ostfriesischen Viehes wird ebenfalls fortgesetzt. Das ostfriesische Vieh verlor durch den Orts und Klimawechsel seine ursprünglichen, schönen Formen und den hohen Wuchs, jedoch die Milchergiebigkeit ist bis jetzt (1839) dieselbe geblieben.”

Die Arbeit der deutschen Kolonisten an ihrer roten deutschen Kuh kann man in drei Perioden einteilen.

I. Vermehrung.

Vom Anfang des 19. Jahrhunderts bis etwa 1860 wurde das mitgebrachte Vieh nach der oben beschriebenen Methode vermehrt und dabei hat sich unter dem Einfluß von Boden und Klima der eigentliche Typ der roten deutschen Kuh entwickelt.

II. Formverbesserung.

Die nächste Etappe geht unter der Parole „Formverbesserung” und Steigerung des Milchertrages. Dabei wurden Kreuzungen mit verschiedenen europäischen Rassen vorgenommen. Im Osten des Schwarzmeergebietes wurde hauptsächlich die Wilstermarsch Rasse zur Verbesserung eingekreuzt, im Westen (Odessa und Cherson) hat man jedoch der Anglerrasse den Vorzug gegeben. Andere Rassen wie Simmenthal und schwarz-buntes Niederungsvieh wurden weniger verwendet. Durch den Unterschied bei der Einkreuzung wird die rote deutsche Kuh in zwei Schläge eingeteilt: den östlichen-taurischen und den Odessaschlag. Mit den Einkreuzungen wurden unterschiedliche Erfahrungen gemacht. Allmählich setzte sich jedoch die Erkenntnis durch, daß bessere Fütterung, Haltung und Pflege viel nützlicher sind, und daß die besten Zuchttiere versagen, wenn vor allem die Fütterung nicht verbessert wird.

Die deutsche rote Kuh hatte als Milchlieferant eine große wirtschaftliche Bedeutung erlangt und war vor allem in den Städten und Industriegebieten als („Krasnaja nemka = rote deutsche Kuh) bekannt, als man ihr das Prädikat „Rasse” noch streitig machen wollte.

III: Wissenschaftlich fundierte züchterische Arbeit.

Schon vor dem Weltkrieg 1914 wurden die Einkreuzungen, die vor allem die fortschrittlichen unter den deutschen Kolonisten vorgenommen hatten, eingestellt. Eis wurde aber ein Kontrollverein in Halbstadt gegründet. Leider mußte derselbe jedoch durch den Weltkrieg, als alle deutschen Vereinigungen in Rußland geschlossen wurden, nach zweijähriger Tätigkeit seine Arbeit einstellen. Seine Arbeit lieferte jedoch glaubwürdiges Zahlenmaterial über die Milchergiebigkeit. Während des Krieges und Bürgerkrieges mußte der Gedanke auftauchen diese Rasse mit züchterischer Auslese ohne Zufuhr von fremdem Blut zu verbessern. An diesem Grundsatz wird auch heute festgehalten, obwohl eine Einfuhr fremden Blutes möglich wäre. Diese züchterische Arbeit konnte sich erst nach der russischen Revolution entfalten. Sie wurde von der Sowjetregierung unterstützt bis die deutschen Kolonisten in die Kolchose gezwungen wurden und darnach in den Staatsgüter und Kolchosen weitergeführt.

Im Jahre 1923 wurde das ukrainische Staatliche Herdbuch in Odessa und 1927 das zweite nordkaukasische Herdbuch in Rostov angelegt. Beide Herdbücher führen offiziell die Bezeichnung „rote deutsche Kuh”.

Die Arbeiten dieser Herdbücher unterscheiden sich kaum von denen in Deutschland. Die wertvollsten Milchkühe wurden in den Dörfern vorgefunden, die keine Einkreuzungen vorgenommen hatten. Vor der Zwangskollektivierung haben im Jahre 1928 in den deutschen Kolonien 127 Kontrollassistenten 10 482 Kühe kontrolliert. Dank dieser Arbeit konnte eine bessere Fütterung, Haltung und Pflege verzeichnet werden. Auf den Zuchtviehausstellungen, welche alljährlich in Halbstadt, Prischib und Luxemburg stattfanden, wurde wertvolles Zuchtmaterial gebracht. Der gute Ruf der roten deutschen Kuh lockte die Besucher und Käufer aus weit entfernten Gegenden an. Die rote deutsche Kuh ist zum Hauptmilchlieferanten der UdSSR, geworden.

Sie ist nicht nur im Schwarzmeergebiet und Kaukasus zu Hause, vielmehr findet sie sich auf verschiedenen Staatsgütern in Kasakstan und Sibirien. Mit der roten deutschen Kuh haben wir Deutsche uns in Rußland ein bleibendes Denkmahl gesetzt. Die russische Revolution, die Sowjetregierung und der letzte Krieg hat die deutschen Kolonisten von Haus und Hof verjagt. Zurückgeblieben ist jedoch die deutsche rote Kuh als eine der vielen Zeugen deutscher Pionierarbeit.

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Anmerkung der Schriftleitung:

In Ergänzung zu obigen Ausführungen teilt uns Herr K. noch Folgendes mit:

Nach 1945 wird in der Sowjetpresse und Fachliteratur anstatt „Krassnaja njemetzkaja poroda” nur noch die Rassebezeichnung „Stepnaja poroda” gebraucht. Der Sinn dieses unrühmlichen Manövers ist klar: die hervorragende züchterische Leistung deutscher Kolonisten soll verschwiegen werden, damit sie als eine um so größere russische Leistung erscheint. Es besteht kein Zweifel darüber, daß die „Deutsche Rote Kuh” in der Sowjetunion heute zu den weitverbreitesten Rinderrassen gehört. Ihr Verbreitungsgebiet erstreckt sich auf die Ukraine, Nord- Krim, den Nordkaukasus bis tief in das Vorgebirge, das Mittlere- und Untere Wolgagebiet und die Westsibirischen Steppen (Baraba, Ischim und Kulunda). Außerdem wird die Deutsche Rote Kuh zur Aufbesserung der Landrassen verwendet.

Quelle: Heimatbuch - 1955