Jahreswechsel

Veröffentlicht: Freitag, 18. August 2017 Drucken E-Mail

Geheimnisvolle Bräuche ranken sich um den Jahreswechsel. Seit alters her haben die Menschen die zwölf Heiligen Nächte zwischen dem Weihnachtsfest und dem Tag der "Heiligen Drei Könige" mit einem geheimnisvollen Zauber umwoben. Durch die Jahrhunderte hat sich die Vorstellung erhalten, dass in dieser dunkelsten Zeit des Jahres allerlei Dinge geschehen, über die sich ein Schleier ausbreitet, der im Volksleben noch eine gewisse Rolle spielt.

Diese Zeit der Rauh- oder Rauchnächte gehörte einst bei den Vorfahren der germanischen Zeit den wiederkehrenden Seelen, die mit dem Wilden Heer der Geister, dem Göttervater Wotan auf dem Totenross und den beiden Raben Hugin und Munin an der Spitze, im Sturmesbrausen und ungestümen Getöse durch die Lüfte brausten. Um diese Zeit sollten die Menschen ja nicht den Unwillen der Geister erregen. Die Arbeit hatte jetzt zu ruhen; die Menschen sollten Rückschau halten auf das vergangene Jahr und sich auf das neue vorbereiten, um es würdig zu empfangen. Um die Scharen der Wilden Jäger zu beschwichtigen, wurden die Geister bewirtet; man suchte sie auch durch Räuchern, darum "Rauchnächte", oder durch Lärmen abzuwehren, bis in christlicher Zeit das Kreuzzeichen an deren Stelle trat.

Nach uralten Glauben gilt jeder dieser Tage als bestimmter Lostermin für Wetter und Schicksal eines jeden Monats des folgendes Jahres; Wetterkundige halten noch jetzt gar viel davon. Besonders ältere Leute haben in unseren Dörfern noch manches Wissenswerte von den guten und bösen, von lichten und düsteren Gestalten zu berichten, die nach überkommenem Volksglauben in den langen Nächten ihr Unwesen treiben. Man achtet jetzt besonders auf seine Träume und ist vielfach der festen Überzeugung, dass sie in dem der Traumnacht entsprechendem Monat in Erfüllung gehen. In der Silvesternacht wünscht man das ungestüme Brausen der Wilden Jäger in den Lüften, weil dann im Juli günstiges Erntewetter zu erwarten ist; je wüster in dieser Nacht das Wilde Heer tobt, desto fruchtbarer sollen Sommer und Herbst sich zeigen. Gute Vorzeichen bildeten die Eiszapfen an den Dachrinnen: Je länger sie herunterhingen, desto länger würde der Flachs wachsen. An diesem letzten Abend im Jahre musste das Spinnrädchen unbedingt ruhen, selbst Putzen und Fegen sollte unterbleiben wie auch das Backen, damit alles Unheil von Haus und Hof, sowie allen Bewohnern fernblieb. Ungebetene Gäste waren am letzten Tag des Jahres auch Raben und Krähen im Hofe; ursprünglich galten sie als heilige Begleiter des Göttervater Wotan, doch später wurden sie wohl durch ihr heiseres Gekrächze mehr als Unglücksvogel bezeichnet, wie man im Volksmund vom Unglücksraben und Pechvogel spricht.

Der stille Lauscher wollte am Altjahresabend unter dem Viehbarren im Stall die Tiere mit menschlicher Zunge reden hören, wenn er sich unbemerkt dort verstecken konnte; den Schleier der Zukunft würden die Tiere dabei lüften. Überhaupt spielten in früheren Zeiten Haustiere jeder Gattung eine sehr ausschlaggebende Rolle für die Selbstversorgung weiter Teile der Bevölkerung in Dorf und Kleinstadt. Darum erhielt auch das Hühnervolk am Neujahrstag frisches Stroh in die Nester; dieser Brauch sollte gegen Wiesel und Marder, die schlimmen Räuber des Hausgeflügels, schützen.

Zur Zeit der Aufklärung geriet manch sinnvoller Brauch an der Jahreswende bei der gestrengen Obrigkeit in den Verruf versteckter Bettelei. So fiel das Neujahrsumsingen der Schulkinder unter die Verbote als "gross Geschrei, Buberei und Unordnung von umlaufendem jungen Gesindel". Auszuschalten war das einbringliche Neujahrsheischen aber nie, zumal die Kinder nicht gerne darauf verzichteten.

Verdüstert waren in alten Zeiten durch manchen Volksglauben die winterlichen Wochen: man meinte, es gingen jetzt Gespenster um, Irrlichter, feurige Männer und schwarze Hunde sollten sich umhertreiben und einsame Wanderer erschrecken, wie manche Sage noch im Umlauf ist. Heute zeigt sich vieles nüchtern und will aufgeklärt wirken. Die moderne Hausfrau hält nichts mehr vom strengen Verbot des Wäschewaschens in den zwölf Nächten, die einst Unheil über Haus und Hof bringen konnten. An die 100 Millionen Mark geben die Bundesbürger für das Silvesterfeuerwerk aus und mit dem Inhalt von 200 Millionen Flaschen Sekt und Champagner prosten sie sich zu, mit dem Wunsch auf Gesundheit, Glück und Erfolg im neuen Jahr. Obwohl wir reicher sind als unsere Vorfahren, scheinen wir doch ärmer geworden zu sein. Oder?