Entwicklungsverweigerer

Veröffentlicht: Freitag, 06. Oktober 2017 Drucken E-Mail

(27.9.2017)

Deutschland hat den Nachteil, daß die letzte Generation, die ungestört heranwachsen konnte, vor 125 Jahren geboren wurde. Deren Nachfolger litten unter dem Ersten Weltkrieg, unter Inflation und Depression. Nach ihr kam die Weltkriegs- und Nachkriegsgeneration, die unter Bombenterror und Mangelversorgung leiden mußte, deren Väter im wichtigsten Lebensabschnitt an der Front gestanden waren, als Kriegsgefangene festgehalten wurden oder gleich ums Leben gekommen sind. Auf sie folgte die Jugend des Wirtschaftswunders, die Generation, die den Aufstieg zum Wohlstand erlebte, aber auch den kalten Krieg und Eltern, die beide berufstätig waren. Auf sie folgte die Generation Überfluß, mit "Helikoptereltern". Die letzte Generation ist die Generation Smartphone, mit mehr Intelligenz in der Hosentasche als in den Köpfen.

Ich selbst gehöre zur Generation Wirtschaftswunder, die gerade dabei ist, den Staffelstab weiterzugeben an die Generation Überfluß. Wir haben den Aufstieg erlebt, vom Röhrenradio zum Schwarz-Weiß-Fernseher, den Beginn des Farbfernsehens und schließlich die digitale Welt, mit hunderten Programmen, rund um die Uhr. Ich habe noch Handwäsche gesehen, habe Stunden in Automatenwäschereien verbracht, bis wir eine eigene Waschmaschine zu Hause hatten. Ich habe den Aufstieg durch Bildung am eigenen Leib erlebt. Und natürlich bin ich voreingenommen, weil ich meine Generation für halbwegs vernünftig und normal halte, und weil wir die letzte Generation gewesen sind, die mit deutschen Werten aufgewachsen ist.

Zugleich sind wir diejenigen, die gesagt haben, "mein Kind soll es einmal besser haben". Wir haben nach und nach das bekommen, was wir gewollt haben, unseren Kindern haben wir das von Anfang an gegeben. Ich habe noch Ohrfeigen in der Schule bekommen, doch meine Altersgenossen haben schon Anwälte geschickt, wenn die Noten der Sprößlinge zu schlecht ausgefallen sind. Die Generation vor mir ist zur Schule gelaufen, wir bekamen Karten für Busse und Straßenbahnen, unsere Nachfolger hatten die Mama als eigenes Taxi.

 

Ja, ich weiß, daß ich pauschaliere. Selbstverständlich gibt es irgendwo eine Barbara Schmidt oder einen Franz Becker, auf die das hier gesagte ganz und gar nicht zutrifft. Die Generation Überfluß, die jetzt in die verantwortungsvollen Positionen einrückt, verdient jedoch eine ausgiebige Betrachtung, da wir unter ihr in Zukunft leiden werden und schon in der Gegenwart unter ihr zu leiden beginnen. Wer zwischen 1970 und 1990 geboren wurde, sitzt bereits in den Parlamenten, ist bereits Staatsanwalt oder Lehrer, bestimmt über Bauanträge oder als Arzt über Leben und Tod.

Angehörige dieser Generation sind Handwerker geworden, ihre Familien waren weniger reich, sie haben früh Verantwortung getragen. Eine ganze Generation hat kein gemeinsames Schicksal, hat keine gemeinsamen Erlebnisse. Es gibt sehr viele Ausnahmen, Menschen, die normal und menschlich geblieben sind. "Helikoptereltern", die ihre Kinder ständig überwachen und behüten, die ihnen alle Schwierigkeiten aus dem Weg räumen, waren nicht alle.

Betrachten wir jedoch den kleinen Kevin, dem seine Eltern einen "modernen" Vornamen aufgehalst haben. Genau wie Chantalle aus dem Nachbarhaus wird Kevin zum Kindergarten gefahren. Nicht gemeinsam, nein, jede Mutter mit eigenem Auto. Die beiden Mütter haben im Kinderarten vorgesprochen, damit es dort gesundes Essen gibt, hauptsächlich vegetarisch bis Rohkost. Kevin und Chantalle werden eingeschult, aber bitte nicht auf einer öffentlichen Anstalt. Waldorf oder Montesori müssen es schon sein, mit moderner, fortschrittlicher Pädagogik. Die Kinder sollen schließlich nicht nur Schreiben und Lesen, sondern auch ihren Namen tanzen lernen. Kevin erhält Gitarrenunterricht und wird zum Fußball gebracht, Chantalle bekommt Reitstunden und hat ein eigenes Pferd. Die Spielsachen beider Kinder sind pädagogisch wertvoll und langweilig. Aggressionen, die in der Schule durchaus vorkommen, werden per Moderation beigelegt. Erwachsene vermitteln Kompromisse.

Konflikte, der "Ernst des Lebens", werden von Kevin und Chantalle ferngehalten. Aufgeschürfte Knie werden sofort vom Hausarzt behandelt, wenn der Husten nach drei Tagen noch nicht vorbei ist, geht es zum Spezialisten. "Nein" ist eine Vokabel, die laut Erziehungsbüchern verboten ist. Die Eltern haben diese Bücher gelesen und verinnerlicht. Sie besuchen Volkshochschulkurse zur Erziehungsberatung, damit sie ja nichts falsch machen. Kevin ist nicht sportlich genug für die Bundeswehr, das bescheinigt ihm ein Attest. Erst an der Universität erleben Kevin und Chantalle Konkurrenz, erst dort wird ihre persönliche Leistung gefordert. Kevin studiert Sozialpädagogik, Chantalle wagt sich an Jura. Die junge Frau kann gut auswendig lernen und sie paßt sich gerne in ihrer Meinung an, folglich bekommt sie gute Noten. Der junge Mann ist freundlich und hilfsbereit, er besitzt das nötige Einfühlungsvermögen. Folglich absolviert er ebenfalls sein Studium erfolgreich.

Beide werden aufs Leben losgelassen. Der Ausweis mag ihnen 23 oder 25 Lebensjahre bescheinigen, mental sind sie verzogene Zehnjährige. Menschen, die durchs Leben geglitten sind, die niemals haben kämpfen müssen. Die Erziehung hat ein Übriges getan, sie haben erfahren, daß ihre Großeltern Verbrecher gewesen sind. Deutsche sind schuld an zwei Weltkriegen, haben es nicht wirklich verdient, daß es ihnen derart gut geht. Nie wieder Nazis... Wieviel reale Welt haben diese Beiden erlebt?

Für Sozialarbeiter Kevin sind türkische Jugendliche wichtig, die Benachteiligten der deutschen Gesellschaft. Später wird er sich um "Flüchtlinge" kümmern, doch zunächst, Anfang der 2000er Jahre, kämpft er für junge Türken. In seinen Augen sind die weder faul, noch dumm, noch unwillig, sondern Opfer der Nazi-Mentalität der Deutschen. Sie werden in den Schulen schlecht behandelt, die Lehrer weigern sich, ihnen die nötige Aufmerksamkeit zu widmen. Kevin geht mit ihnen vor Gericht, spricht mit Richtern und Staatsanwälten, sorgt für milde Strafen, wenn seine Klienten etwas ausgefressen haben. Er vermittelt ihnen Erlebnisferien und sorgt dafür, daß ihre Geschwister, die noch in der Türkei leben, nach Deutschland kommen dürfen.

Chantalle ist Staatsanwältin geworden. Sie teilt Kevins Ansichten, tritt für Milde ein bei den Benachteiligten, also bei den Ausländern. Dafür fordert sie Härte, wo immer sie deutsche Gesinnung vermutet. Sie ist stolz darauf, daß sie einen Fall nach Aktenlage entscheiden kann, daß Argumente der Verteidigung an ihr abprallen. Sie bestimmt, wer verurteilt gehört, und die Richter geben ihr fast immer nach. Sie hat noch nie in ihrem Leben erfahren, daß sie im Unrecht ist. Deshalb gibt sie sich unbeugsam, empfindet sich als Justitia selbst, doch ohne Augenbinde. Ganz im Gegenteil, sie schaut ganz genau hin, sie wertet, bevor sie ein Urteil anstrebt.

Die Eltern - meine Generation - hat dieser nachfolgenden Generation alles gegeben. Sie wollten zur Selbstsicherheit erziehen und haben zur Selbstherrlichkeit verleitet. Sie wollten ihren Kindern alles geben und haben damit deren Ansprüche ins Unermeßliche geschraubt. Die teuren Dinge in meinem Leben habe ich mir fast alle selbst erarbeiten müssen, die Generation Überfluß hat sie in aller Regel geschenkt bekommen. Die Generation Überfluß ist nie wirklich erwachsen geworden, Kinder in der Trotzphase, die Erwachsene spielen. Oh ja, sie haben das Spiel des Erwachsenseins gelernt, sie stampfen nicht mit dem Fuß auf und brechen in Tränen aus, wenn sie etwas nicht bekommen. Sie haben nur den Wunsch, daß die ganze Welt bestraft werden muß, wenn diese Welt es wagt, ihnen etwas zu verweigern.

Diese Menschen sind heute 25 bis 50 Jahre alt, sie bilden die arbeitende Schicht unserer Gesellschaft. Dies sind die Gutmenschen, die allen Anderen vorhalten, was diese schlecht und falsch gemacht haben. Dies sind die Bahnhofsklatscher, die glauben, der Überfluß könne an immer mehr Menschen verteilt werden, er sei unermeßlich. Sie haben den Wiederaufbau nicht mehr erlebt, was ich noch habe entstehen sehen, war bei ihnen schon alles vorhanden.

Wenn ein Klempner derartige Allüren pflegt, kann er allenfalls einen Kunden mit verstopften Abfluß zurücklassen, sich weigern, diese Arbeit für denjenigen zu verrichten, der seine Trotzreaktion hervorgerufen hat. Bei einem Journalisten sieht das schon ganz anders aus. Er glaubt, sich als Rächer zu sehen, der gegen das zu Felde zieht, was er für schlecht erachtet. Die heutige Volksverhetzungspresse, die Menschen in Gut und Böse, in Tolerant und Verachtenswert unterteilt, ist eine Folge dieser Generation Überfluß, der immer nur eingeredet wurde, sie seien die Besten und hätten immer recht. Wir sehen das bei Politikern, die fehlende Argumente dadurch ersetzen, daß sie die Menschen als "Pack" beschimpfen. Wir erleben es, wenn ständig von "Nazis" und "Rechten" gesprochen wird, wenn irgendwo Widerstand auftritt.

Menschen, die nicht den Willen haben, sich zu versöhnen, die es nie gelernt haben, Kompromissen zuzustimmen, sind Menschen, die sich weigern, erwachsen zu werden. Sie verweigern ihre persönliche Entwicklung, sie verharren im Kindsein. Es ist nicht die Dummheit, die sie dazu verleitet, es ist ihre falsche Erziehung. Wir erleben die Generation Überfluß in den USA genauso. Dort hat sich der Lebensstandard zwischen 1935 und 1955 verdoppelt, zwischen 1955 und 1980 noch einmal. Auch da ist eine Generation Überfluß herangewachsen. Auch dort sind es die streitsüchtigen Rechthaber, die sich weigern, erwachsen zu werden, die ihre Gesellschaft spalten.

Oh ja, unsere Kinder haben es besser gehabt, auch wenn ich selbst dies aus zweiter Hand erlebt habe. Doch diese Kinder haben es nicht geschafft, aus eigener Kraft zu wachsen. Der Fortschritt, der Zugewinn an Realeinkommen, stagniert in den USA genauso wie in Merkeldeutschland. Die Generation Überfluß hat konsumiert, nicht aufgebaut. Betrachten wir unsere Straßen und unsere Brücken, betrachten wir Schulgebäude und Krankenhäuser, so fällt auf, daß wir aus der Substanz gelebt haben, daß die Generation Überfluß es noch nicht einmal geschafft hat, das zu erhalten, was in ihre Hände gegeben wurde. Auch da leidet die USA unter demselben Problem. Bei meiner Generation hat noch gegolten, daß das, was in Amerika geschieht, in zwanzig Jahren bei uns passieren wird. Heute folgt das viel schneller, fast zeitgleich, und gelegentlich habe ich das Gefühl, daß das, was bei uns passiert, über den großen Teich schwappt, nicht mehr umgekehrt.

Die Kinder dieser Generation Überfluß wurden gehegt und umsorgt, doch nicht auf das Leben vorbereitet. Dies fällt nun auf uns zurück, wir erleben, wie unser Lebenswerk unter deren Händen zerrinnt. Die nächste Generation, die Generation des Internets, wird kaum Abhilfe schaffen. Diese Generation hat alle Möglichkeiten zur Kommunikation, aber sie hat sich nichts zu sagen. Sie stellen Bilder ihres Mittagessens ins Internet oder laden Videos ihrer Katzen hoch. Nichts davon ist im Entferntesten wertschaffend oder gar eine kulturelle Leistung. Ich will sie trotzdem nicht Generation Flachpfeifen nennen, denn diese Generation wird ausbaden, was die Generation Überfluß angerichtet hat. Sie werden es sich nicht leisten können, die persönliche Entwicklung zu verweigern, sondern werden diese im Schnelldurchgang nachholen.

Die nächste Generation wird gerade geboren, es sind die Kinder der Jahre 2015 bis 2040, deren Großeltern aus der Generation Überfluß stammen, deren Eltern aus der Generation Internet. Auch dies wird eine Generation sein, die auf ihre eigene Weise geprägt und traumatisiert worden ist. Meine Altersgenossen, die Generation Wirtschaftswunder, wird auf diese Menschen keinen Einfluß mehr haben. Wir sind höchstens die Schuldigen, die es nicht geschafft haben, die unglaubliche Aufbauleistung unserer Eltern in gute Hände weiterzugeben.

Können wir noch etwas tun, wir, die Generation Wirtschaftswunder? Bedauere, aber wir sind nun diejenigen, denen gesagt wird: "Laß mal, Alter!" Uns bleibt nur noch eines: Briefe an die Zukunft zu schreiben. Wir können unsere Lebenserfahrung als Vermächtnis hinterlassen, in der Hoffnung, daß sie das überlebt, was die Entwicklungsverweigerer auslösen werden. Nicht alle von uns haben das bereits erkannt, es gibt so viele, die sich über den Fanatismus der Entwicklungsverweigerer freuen, die Trotz für Erkenntnis halten und schüren, wo sie löschen sollten.

Begrenzen wir unsere Schau auf das Irdische, so scheint vieles unrettbar verloren. Doch das Irdische ist nur ein Aspekt der Entwicklung. Die Himmlischen Heerscharen sind nicht irgendwelche Engel, sondern das sind wir, wenn wir diese Welt verlassen haben. Wir haben die Möglichkeit, unsere Fehler zu erkennen und zu korrigieren, wenn wir zur nächsten Runde auf der Erde antreten. Geläutert, erfahrener, mit der Energie dessen behaftet, was wir dann als Gutes in die Welt bringen werden. Niemand, kein Einziger, wird es jemals vermögen, sich dauerhaft der Entwicklung zu verweigern. Aus Dharma wird Karma, und Karma wandelt sich erneut in Dharma, und immer, immer gibt uns das Universum die Gelegenheit, den nächsten Schritt zu tun in unserer Entwicklung. Selbst die heutigen, längst ausgewachsenen Kinder der Generation Überfluß, werden sich diesem ewigen Gesetz beugen müssen.

Michael Winkler

Quelle: https://www.michaelwinkler.de/Pranger/Pranger.html