Das erste Geschichtswerk der Wolgadeutschen

Veröffentlicht: Donnerstag, 28. Dezember 2017 Drucken E-Mail

ln der „Odessaer Zeitung” 1914 schrieb A. Lane einen Artikel „Ein Volk ohne Geschichte”. Dieser Artikel bezog sich auf das Wolgadeutschtum. Er wird aber durch die Wirklichkeit widerlegt. Die Wolgadeutsche Geschichte begann in der Einwanderungszeit. — Bernhard Ludwig von Platen ist der Verfasser eines Gedichtes „Reise-Beschreibung der Kolonisten, wie auch Lebensart der Russen,” das er während der Reise nach Rußland 1766/67 verfaßte.

Von Platen war Offizier des 7jährigen Krieges, und nach dem Krieg berufslos geworden. So kam ihm der Werberuf der russischen Regierung gelegen. Er eilte nach Lübeck zu dem Werbungskommissar. Als „Offizier, auch gut von Adel”, bot er sich „zu Gnaden an, der Kaiserin zu dienen”. — Die 6- wöchige Wasserfahrt gestaltete sich zu einer Qual, voll Todesangst, Elend und Hungersnot. Endlich wird man in Oranienbaum unweit von Petersburg ausgeschifft. Hier erlebte von Platen die erste Enttäuschung. Sein Plan, im Heere zu dienen, wurde zerschlagen. Man begann alle zu „überreden”, daß sie als „Kolonisten” an die Wolga als Bauern gehen sollten. In der Stadt Torschok, Gouv. Twer, gab es einen längeren Winteraufenthalt (1766). Hier schrieb Platen den größten Teil seines Gedichtes. Im Frühling 1767 ging der Zug von 137 Familien, darunter auch v. Platen, wolgaabwärts bis Saratow und gründete am 16. Mai 1767 die Kolonie Hussenbach (Bergseite).

Das Gedicht von Platen befand sich bei vielen Kolonisten als Hausschatz und ist zum erstenmal bei Klaus: „Unsere Kolonien”, russische Ausgabe veröffentlicht.

In dem Gedicht werden zunächst die Zustände in Deutschland angedeutet, dann die Werbetätigkeit der russischen Agenten geschildert, die große Versprechungen machten. Viele durch den Krieg ruinierte, verarmte und brotlos gewordene Menschen liefen den Werbern in Scharen nach, um in das „Land, wo Milch und Honig fließt” zu gehen.

Ein Teil der Einwanderer, die ganz andere Pläne hatten (darunter auch von Platen) fühlten sich betrogen, daß sie nun Bauern werden sollten. Statt des versprochenen Kulturlandes trafen sie nichts als eine wilde, wüste Einöde. Kein Wunder, wenn dem neuen Kolonisten „Karasche, Herz und Muth benommen” sind. Schweren Herzens müssen sie sich in ihr Schicksal fügen:

„Lang quälen ist der Tod . ..

Wir müssen uns ergeben . ..

Mag kosten Haut und Haar —

Hinein ins wilde Leben . ..”

In den Versen 31 ff. beschreibt v. Platen das russische Leben. Das Gedicht ist eine Fundgrube für Sprachforscher. Vor allem fällt der Einfluß der französischen Sprache auf: gaschieren, pasirten, resolviert, patrulliren, transportiren, fexiren . ..

Aber auch russische Ausdrücke werden schon in den Anfängen übernommen: Matuschka, Baba, gekuscht (gegessen), Gorschok (Topf), Badeika (Milchtopf) ... Das Gedicht ist als Geschichtsquelle aus der ersten Einwanderungszeit und auch als eins der wenigen überhaupt vorhandenen Gedichten trotz seiner Primitivität wert, daß es der Nachkommenschaft dieser Volksgruppe und der Nachwelt überhaupt, wenigstens im Auszug (wir bringen nur die Verse, die sich auf das Kolonistentum beziehen), bekannt und erhalten bleibt.

Reisebeschreibung der Kolonisten

von Offizier Blathen (Platen, Blaten)

1.

Was ist das vor(1) ein Schmerz

Daß ich muß Deutschland meiden

Und nun als Kolonist

Viel Plag und Kummer leiden

Betrübnis viel Verdruß

Zu Wasser und zu Land

Drum bin ich ärgerlich

In diesem neuen Stand.

 2.

Stadt Lübeck war der Ort

Wo man thät angaschiren

Da konnte wer da wollt

Jung, alt und groß und klein

Zu diesem Gast-Gebot

Bald eingeladen seyn.

Drum thät ich alle Tag

Mir mit Gedanken quälen.

3.

Mundirung Geld und Gut

Thät mir nun gänzlich fehlen

Kurz meine ganze Sach

War herzlich schlecht bestellt

Ich kann es ohne Klag

Vor Leute so (2) verhehlen

4.

Ich mußte Barfuß gehen

Kein Schnapps war nicht zu wählen.

Drauf resolvirt ich mich

Auch mit dahin zu gehen

Ob ich mein Glück nicht könnt

In Rußland blühen sehen

Ging also eilings(3) hin

Zum Werbungs-Kamisanten (4)

Sagt, daß ich ein Offizier

Auch gut von Adel war.

5.

Bat mir zu Gnaden aus

Der Kaiserin zu dienen

Dessfalls war ich allda

Nach Rußland jetzt erschienen

Um diese Reis zu thun

Mit in das neue Land

Ich kam auch also gleich

In den Kolonistenstand.

6.

Acht Schilling alle Tage

Bekam ich zu verzehren

Könnt gehen wo ich wollt

Hat mich an nichts zu kehren

So lebt ich 14 Tag

Ganz ruhig im Quartier

Allein da gings zu Schiff

Ein sehr betrübt Plamir (5).

7.

Da ward ein jeder Mann

Mit Brofiant versehen

Und (6) so nach Petersburg

Ins Schiff hinein zu gehen

Allein condrerer (7) Wind

Macht uns die Reise schwer

Das Brofiant ging auf

Die Taschen wurden leer.

8.

Sechs Wochen mußten wir

Die Wasserfahrt ausstehen

Angst, Elend, Hungersnoth

Täglich vor Augen sehen

Also daß wir zuletzt

Salz-Wasser, schimmlich Brot

Zur (8) Lebens unterhalt

Erhielten kaum zur Noth.

9.

Bis diese Glücksstund kam

Oranienbaum zu sehen

Da thät ein jeder nun

Mit Freud vom Schiffe gehen

Quartierten 14 Tag

Uns in die Häuser ein

Von da nach Petersburg

Ja all zum Schiff hinein.

10.

Bei dieser Hauptstadt nun

Thäten wir drei Wochen bleiben

Und auf dem Wasser uns

Im Schiff die Zeit vertreiben.

Darzu bekamen wir

Zehn Kreuzer in die Hand

Weil uns 3 Groschen Tags

An Abzug war bekannt.

11.

Dies kam mir spanisch vor

Weils teuer war zu leben

Mein Geldsack war betrübt

Und keiner wollt was geben

Da dacht ich bei mir selbst

Dies ist ein schlechter Spaß

Das Geldchen ist verzehrt

Und hast noch keinen Fraß.

12.

Wo dieses lange währt

Wie wird es mir noch gehen

Viel Kranke thät ich auch

Auf allen Seiten sehen

Doch hielt ich Köndin (9) aus

Und bat auch inniglich

Um nur gesund zu seyn

Das andere findet sich.

13.

Drum Leser finde dich

So wie ich mich thät finden

Vielleicht haben wirs verdient

So beyd mit unsern Sünden

Hab Hoffnung und Geduld

Und sey mit dich vergnügt

Wirf alle Sorge(n) weg

Die dir am Herzen liegt.

14.

Drum werden wir gesund

Nach Saratow hinkommen

Die weil wir schon den Weg

Nach Schlüsselburg genommen

Ach Himmel hilf uns bald

Von dieser Wasser-Qual

Wir fuhren auch gar bald

Gar hoch und tiefe Thal.

15.

Allein noch wenig Trost

Wir mußten wei.er reisen

Bis daß wir bei der Stadt

Pasirten durch die Schleussen

Da kamen wir endlich hin

Zur Stadt hieß Nowgorod

Hier spielten abermal

Mein Geldsack ein Pankrot

16.

Nun hört ich 30 Werst (10)

Wird man zu Schiff noch gehen

Dann wird man uns zu Land

Wald auf die Wagen sehen

Da wir dennu (11) alle Nacht

Stets kommen ins Quartier

Nun dacht ich bei mir selbst

Dies Reisen freuet mir.

17.

Allein Potsappermend

Ich hab es wahr genommen

Ich bin bei Tage nicht

Zu einen (12) Sitz gekommen

Da hieß es laufe nur

Und geh beim Wagen her

Dies wahren harte Worte

Und fiel mir herzlich schwer.

18.

Und wann (13) den ganzen Tag

Wir denn (14) recht müd gegangen

Und hatten zum Quartier

Ein sehnliches Verlangen

Die weil mein matter Leib

Vor Kalt und Hungersnoth

Ich gerne ruhen wollt

Und sättigen mit Brod.

19.

Wir mußten 14 Tag

Beim Wagen patrolliren

Und Weiber mit Pakasch ,(15)

Zu Lande transportiren

Hier wurden viele krank

Und viele blieben todt

Die Kinderlein voraus

Die litten große Noth.

20.

Da kamen wir zur Stadt

Wo wieder Schiffe lagen

Hier wollten wir uns nun

Vor Kalte schon beklagen

Allein was war zu thun

Man mußt zur Bark hinein

Dieweil noch kein Quartier

Vor (16) uns bestimmet seyn.

21.

Da rief ein jeder nun

Wie thut man uns fexiren

Doch halt das Wasser wird

In einigen Nächten frieren

Und wie denn auch geschah

Zur Torschhof (17) hieß der Ort

Drum schreibe ich anjetzt

Hier meine letzte Wort.

22.

Doch halt es fällt mir ein

Schon wieder was zu schreiben

Und will mit diesem Reim

Mir meine Zeit vertreiben

Wir kamen alle samt

Mit einer Bittschrift ein

Daß wir doch im Quartier

Zum Winter möchten seyn.

23.

Da dieses nun hieß ja

Mann soll uns einquartieren

Die weil ein jeder glaubt

Er würde bald erfrieren

Transportirte man uns gleich

Ja in die Dörfer ein

Wo wir auch dazumal

Gleich einquartirt seyn.

24.

Da ich nun diese Zeit

Sehr vieles ausgestanden

Dennoch nicht böse ward

Mit schelten Fluch und Bauden

Ob schon mein neu Quartier

Sehr traulig hat aussehen

Doch mußt ich mit Geduld

Dies alles überstehen…

Hier folgen in Vers 26—53 die Schilderungen der damaligen russischen Verhältnisse und dann fährt Platen fort:

54.

Wir liegen noch allhier

Ganz ruhig im Quartier

Ich glaub wir gehn nun mehr

Jetzt balde weg von hier

Nun da es auch so hieß

Wir sollen weiter reisen

Man wird uns morgen schon

Auf eine Barke weisen.

55.

Drum dank ein jeder jetzt

Vor(18) noch gesund zu seyn

Ein jeder geh mit Freud

Zu seinem Schiff hinein

Damit wir dermal eins (19)

Auch mögen dahin kommen

Zum angewiesnen Ort

Den wir uns vorgenommen.

56.

Mir deugt(20) es brauset schon

Der alte Wolgastrom

Hier lag auch eine Stadt

Die hiesen sie Perma(21)

Spannt nun die Segel auf

Und laßt die Wellen toben

Und hilft das Glück uns hin

So wollen wir es loben.

57.

Anjetzt schon sieben Städt

Mit Glück vorbei pasiert

So es uns auch gar bald

Nach Saratow hinführt

Der Schiffer sieht ja auch

Kasakenstadt schon liegen

Und wenn die Augen mir

Nicht mit Gewalt betrügen.

58.

So seh ich schon die Stadt

Mit Namen Saratow

Und in zwei gute Stund

So sind wir alle dort

Mein Freund wie mir zu Muth

Wie ich war angekommen

Karasche (22), Herz und Muth

Dieß war mir als(23) benommen.

59.

Ich dachte bei mir selbst

Ist das der schöne Ort

Der hat nicht mal ein Thor

Viel weniger ein Pfort

Lang quälen ist der Tod

Wir haben uns ergeben

Mag kosten Haut und Haar

Herein ins wilde Leben.

60.

Seht Kinder sehet doch

Kasakenstadt ist da

Und unsere Sen den Sens(24)

Die liegt in Saratow

Herunter von dem Schiff

Man wird euch Oerter zeigen

Wo Korn und Mesler Feld (25)

Auch Aepfel, Quetschen(26), Feigen.

61.

Vor wild auf Feldern wächst

Denkt nur ans Paradeis

Ich glaub kaum Gersten Gritz

Viel weniger noch Reis

Doch tröst euch mit Geduld

Und laßt die Hoffnung grünen

Seht frei und fröhlich aus

Macht auch nicht böse Mienen.

62.

Ob schon das Herze weint

So lächelt doch der Mund

Ihr krieget Land und Sand

In einer Viertel Stund

Ihr Bauern tretet aus

Man ruft euch Kolonisten

Hier gilt kein Bürger nicht

Und auch kein Professionisten.

63.

Kein Adel Charakter

Kein Amtrecht, kein Offizier

Ihr müßt nun Bauern seyn

Da ist kein Rath dafür

O weh was sagt mein Herz

Was quälen mir Gedanken

Wie viele sah ich krank

64.

Ich dachte hin und her

Soll ich ein Bauer seyn

Da schlage Pulver Blei

Und alle Flamm hinein

Nun wurden wir vertheilt

Als wie in Noahs Kasten

Wer nichts zu fressen hat

Bereite sich zum Fasten.

65.

Doch wer nur fleißig ist

Und keine Faulheit übt

So lebt der Vater noch

Der uns zur Nahrung giebt

Nun lebet alle wohl

Ihr Kolonisten Brüder

Das Freuden Lied ist aus

Jetzt mach ich Trauer Lieder.

66.

Man hat aus mir Offizier

Ein Prozepter (27) gemacht

Bleibt jetzt all gesund

Ich sage gute Nacht

Nun hieß es weg von Schiff

Man wird euch Oerter zeigen

Jetzt seyd ihr Mann für Mann

So gut als wie Leibeigen.

67.

Da habt ihr euren Fleck

Nun schafft euch euer Brod

Arbeiten müßt ihr

So lang bis in den Tod

Und wenn ihr gnug geschafft

So ist es denn vollendet

Dann heißt es große Noth

Viel Arbeit wenig Brod.

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 (1).für. (2) Nicht. (3) eiligst, (4)Commissär, (5) Plaisir. (6) um, (7) conträrer (Gegenwind) (8) um, (9) centent = zufrieden.(10) = 1.09 km, (11) wohl: werden wir, (12) einem, (13) wenn, (l4) dann, (15)Gepäck, (16) für ,(17) Torshok (Torschok), (18) für, (19) dermaleinst. (20) deucht, (21) Es handelt sich nicht um Perm, sondern Kostroma, (22) Kurage = Mut, (23) alles, (24) Sinn, (25)Maisfeld, (26) Zwetschgen 

(27) Prücepter = Lehrer.