Kriegsschuld 1870

Veröffentlicht: Sonntag, 03. September 2017 Drucken E-Mail

Rolf Kosiek

Nicht nur für die Kriege des 20. Jahrhunderts, auch für den Deutsch-französischen Krieg 1870/71 wird in der Welt oft den Deutschen/Preußen die Schuld zugeschrieben. So stellte eine Amerikanerin 1950 fest, daß ihren Landsleuten »jahrelang eingepaukt wurde, Deutschland hätte dreimal in einer Generation Frankreich angegriffen«. (1) Dabei hat Frankreich 1939 Deutschland den Krieg erklärt und hat 1914 vor der deutschen Kriegserklärung seine Truppen mobilisiert, was einer Kriegserklärung gleichkommt.

Paris trägt auch für den Krieg von 1870/71 die Schuld. Es hat am 19. Juli 1870 Preußen den Krieg erklärt, das durch Verträge mit den nord- und süd- deutschen Staaten verbunden war. Die historischen Tatsachen sind eindeutig: Nach dem Sturz der absolutistisch regierenden spanischen Königin ISABELLA II. im September 1868 suchte die neue Regierung in Madrid einen anderen Monarchen und entschied sich für den Erbprinzen Leopold VON HOHENZOLLERN-SIGMARINGEN, der nach Bedenkzeit im Mai 1870 zusagte. (Sein Bruder Karl war kurz vorher als CAROL I. 1866 auf den Thron des neu geschaffenen Fürstentums Rumänien berufen worden.)

Als diese Nachricht in Paris am 1. Juli bekannt wurde, gab es eine große Erregung in der französischen Öffentlichkeit, und im Parlament hielt der Außenminister Herzog VON GRAMONT am 6. Juli eine Rede, in der bei Annahme des Hohenzollernprinzen Preußen Krieg angedroht wurde. Als dieser dann am 12. Juli auf den spanischen Thron verzichtete, verlangte Frankreich am 13. Juli durch seinen extra nach Bad Ems, wo König WILHELM I. von Preußen kurte, geschickten Botschafter BENEDETTI, daß der preußische Monarch, der mit der Angelegenheit der preußischen Nebenlinie nichts zu tun hatte, ein Entschuldigungsschreiben an den französischen Kaiser NAPOLEON III. richte und darin versichere, einer möglichen neuen Kandidatur die Genehmigung zu versagen. Als der König diese Zumutung höflich, aber bestimmt ablehnte, der Botschafter BENEDETTI noch ein zweites und drittes Mal am selben Tag die Forderung stellte und dabei »impertinent« wurde, ließ ihn WILHELM I. stehen.

 

Die Nachricht über diesen Vorgang veröffentlichte der in Berlin weilende BISMARCK gekürzt und damit verschärft als »Emser Depesche«, was NAPOLEON III. und die französische Öffentlichkeit als diplomatische Niederlage ansah und was dagegen überall in Deutschland großen Jubel auslöste. Daraufhin erklärte Frankreich, ohne irgendwie bedroht zu sein, Preußen am 19. Juli 1870 den Krieg. (29

Wie ausländische und unvoreingenommene Zeitgenossen diese Kriegserklärung sahen, geht zum Beispiel aus einem Bericht der Londoner Times hervor, die über die französische Kriegserklärung zutreffend urteilte: »Das größte nationale Verbrechen, das wir seit den Tagen des ersten französischen Kaiserreiches mit Schmerz in diesen Spalten zu verzeichnen hatten, ist begangen worden. Der Krieg ist erklärt worden - ein ungerechter, aber vorsätzlicher Krieg. Dieses schreckliche Unglück, das Europa in Bestürzung versetzt, ist - das ist jetzt nur allzu klar - das Werk Frankreichs, eines Mannes in Frankreich. Es ist das Ergebnis persönlicher Herrschaft. Es kann keinen Zweifel darüber geben, welche Seite die Sympathien der Welt gewinnen wird. Was für Angriffe auch immer Preußen bei früheren Gelegenheiten unternommen haben mag, diesmal wird es die volle moralische Unterstützung auf seiner Seite haben, die denen nur selten verweigert wird, die die Waffen zur Selbstverteidigung ergreifen.« (3)

Als die Deutschen einige Wochen später Paris belagerten, schrieb die Londoner Tageszeitung Daily News am 8.9.1870: »Die Deutschen haben das Recht, ihre eigenen Bedingungen zu stellen. Sie wollen nur im Frieden leben und von den neidischen Nachbarn weder belästigt noch geteilt werden. Frankreich hat sich ständig in die deutschen Angelegenheiten gemischt.« (4)

Der spätere französische Ministerpräsident CLEMENCEAU, der für das Versailler Diktat verantwortlich war, urteilte: »1870 erklärte NAPOLEON III. in einem Augenblick des Wahnsinns den Krieg an Deutschland. Kein guter Franzose hat je gezögert zuzugestehen, daß das Unrecht an diesem Tage auf unserer Seite war.« (5)

Der Frieden von Frankfurt am Main vom 10. 5. 1871 fiel trotz des einseitig provozierten Krieges sehr maßvoll aus: Frankreich hatte die vom Deutschen Reich verlangten Reparationen von 5 Milliarden Francs schon in wenigen Jahren bezahlt. Es hieß dann in dem Friedensvertrag für die wieder an Deutschland zurückgekehrten »Reichslande Elsaß-Lothringen«: »Kein Bewohner der abgetretenen Gebiete darf wegen seiner politischen oder militärischen Handlungen während des Krieges in seiner Person oder seinen Gütern verfolgt, beunruhigt oder verhaftet werden.« Man vergleiche das mit der Behandlung der Deutschen nach 1945.

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1.Freda UTLEY, Kostspielige Rache, H. H. Nölke, Hamburg 1951, S. 14; Nachdruck in: Verlag für ganzheitliche Forschung und Kultur, Viöl 1993.

1-2

2.AUSFÜHRLICHE DARSTELLUNG U. A. IN: HELLMUT Diwald, GESCHICHTE DER DEUTSCHEN, PROPYLÄ- EN, FRANKFURT/M.-BERLIN-WIEN 1978, S. 328 FF.; EMIL Franzel, GESCHICHTE DES DEUTSCHEN VOLKES, ADAM KRAFT, MÜNCHEN 1974, S. 665-669.

3.Zit. in : Gustav STOLPER, Die deutsche Wirklichkeit, 1948, S. 218; ebenso in: UTLEY aaO. (Anm. 1) S. 14.

4.Zit. in: Emil MAIER-DORN, ZU V. Weizsäckers Ansprache vom 8. Mai 1985, J. Reiss, Großaitingen 41985, S. 24.

5.Josef A. KOFLER, Die falsche Rolle mit Deutschland, J. Kofler, Stadtbergen 2004, S. 10.

Quelle: DER GROSSE WENDIG. Richtigstellungen zur Zeitgeschichte herausgegeben von Rolf Kosiek und Olaf Rose GRABERT-TÜBINGEN. S. 51-52.

Weiterführende Literatur:

Emil FRANZEL, Geschichte des deutschen Volkes, Adam Kraft, München 1974.

Hellmut DIWALD, Geschichte der Deutschen, Propyläen, Frankfurt/M.-Berlin-Wien 1978. Richard SUCHENWIRTH, Deutsche Geschichte, Georg Dollheimer, Leipzig 1934.STACKE, Deutsche Geschichte, Velhagen u. Klasing, Bielefeld-Leipzig 1896, Bd. 2.