Der Weinbau der deutschen Kolonisten in der Krim

Veröffentlicht: Sonntag, 31. Dezember 2017 Drucken E-Mail

Die Kriiner Weine übertreffen in ihrer Güte alle anderen Weine, die in Rußland erzeugt werden. Selbst die besten Weine Transkaukasiens können sich bei weitem nicht mit den Krimer Weinen messen. Es sind ausschließlich Spitzenweine, die trotz ihrer teueren Preise sich nicht nur in Rußland, sondern auch im Ausland großen Zuspruchs erfreuen. Während der Zarenzeit standen die Krimer Weine heim Weinexport an erster Stelle, weil sie gerade wegen ihrer guten Qualität von allen Seiten vielfach bestellt wurden.

Die berühmtesten und teuersten Krimer Weine sind die sogenannten „Sudaker Weine” (sudakskije wina), benannt nach der deutschen Weinbauernkolonie Sudak, die ganz in der Nähe des russischen Städtchens gleichen Namens am Abhange des südlichen Jaila-Gebirges gelegen ist. Diese deutsche Weinbauernsiedlung entstand 1805 im Zuge der Besiedlung Südrußlands mit deutschen Bauern durch den Zaren Alexander I. Es waren schwäbische Weinbauern, die hier angesiedelt wurden und den Weinbau betreiben sollten. Die Bodenbeschaffenheit des südlichen Teiles der Halbinsel Krim, der durch das Krimer Gebirge vom Norden her gut geschützt ist und ein suptropisches Klima aufweist, begünstigt ganz hervorragend den Weinbau.

Die schwäbischen Weinbauern waren hier schon richtig angesetzt und sie brachten auch im Laufe der Zeit auf dem Gebiet des Weinbaues Leistungen hervor, die sich vor aller Welt zeigen lassen können und den Erzeugern selbst Ehre und Ansehen bereiten.

Bis 1804 gab es in der Krim so gut wie keinen Weinbau. Alle Versuche des Anbaues von Weinreben, die hauptsächlich von russischen Großfürsten unternommen wurden, blieben in ihren Anfängen stecken. Erst die schwäbischen Weinbauern legten in der Krim die Grundlage zum Weinbau, der sich von der Kolonie Sudak längs des südlichen Teiles der Krim ausbreitete — und. zwar in der Richtung nach Gursuf und Jalta, Balaklawa und Sewastopol.

 Wer diese herrliche Gegend der Krim schon besucht hat, der wird sicherlich auch mit Begeisterung von den schönen Weinbergen erzählen können, die sich zum Teil kilometerweise hinziehen. Gewiß gehörten diese Weinberge bei weitem nicht alle den deutschen Weinbauern, aber doch ein ziemlich großer Teil davon.

Im Durchschnitt betrug die Weinbauflächc eines deutschen Weinbauers mehrere Dutzend Hektar. Es gab aber auch einige Weinbauern, die mehrere Hundert, ja sogar einige Tausend Hektar Weinberge besaßen.

Der reichste von ihnen war Herr Stahl, der etwa 15 000 ha Weinberge sein eigen nannte, in Sudak, Gursuf, Balaklawa und Sewastopolgehörten ihm ganze mit Weinbergen bepflanzten Gebiete. Selbst in der Stadt Sewastopol und deren Umgebung dehnten sich seine Weinberge aus: so unter anderem am Abhänge des geschichtlich bekannten „Malachow Kurganes”. Er war der größte Weinbauer Rußlands, produzierte nur Spitzenweine und besaß gigantische Weinkellerchen.

Wer die Weinkellern in der Südkrim gesehen und dort auch schon Wein getrunken hat, den wird es immer wieder mit Macht dorthin ziehen, um die herrlichen Krimer Weine genießen zu können.

Im Laufe der Zeit erlangten die schwäbischen Weinbauern einen ziemlich großen Reichtum. Sie kauften sich Häuser in Jalta, Gursuf, Balaklawa und Sewastopol: auch Hotels und Weinschänken (oder ließen sich solche erbauen), wo ihre eigenen Weine zum Ausschank kamen. Und wir wissen, daß gerade die deutschen Hotels und Weinschänken wegen ihrer Qualitätsweine sehr gut besucht waren. Es waren in der Tat reiche Bauern — diese schwäbischen Weinbauern, die die Südkrim der Weinbau-Kultur erschlossen, dort Spitzenweine erzeugten und die Krimer Weine weltberühmt machten.

Aber auch die am nördlichen Abhange des Krimer Gebirges gelegenen deutschen Bauernsiedlungen Neusatz, Friedental, Rosental, Zürichtal und Heilbrunn sowie die am südöstlichen Teil der Krim befindlichen Kolonien Otus und Herzensberg (das sind die deutschen Mutterkolonien in der Krim) befaßten sich mit dem Weinbau, der hier aber nur als Nebenerwerb betrieben wurde. Ein jeder Bauer bewirtschaftete neben seiner Landwirtschaft 1 bis 4 Hektar Weinberge, deren Ertrag aber sehr oft den der Landwirtschaft übertraf. Denn es waren gute Weinsorten, die die deutschen Bauern züchteten und die in ihren Preisen sehr hoch standen.

Mit der Gründung von Tochtersiedlungen in den weiten Steppengebieten der Krim fand auch dort der Weinbau seine Verbreitung. Es gab keinen deutschen Bauern in der Krim, der nicht einen Weinberg besessen hätte. Und wenn auch nur einen Viertel oder einen (Halben Hektar für den eigenen Gebrauch — d. h. für seine Familie, Gäste und für seine Arbeiter. Gewiß war der Wein in den Steppengebieten nicht so gut, wie in der Südkrim. Jedoch die deutschen Kolonisten ließen nichts unversucht, um durch verschiedene Maßnahmen die Qualität des Weines zu heben. So erzielten sie z. B. durch Ausschachten der Erde in einer Tiefe von etwa anderthalb Meter und Auffüllen der Lücken mit Lehm und Kies (Lehm und Kies bilden den besten Boden für Weinreben) Weine, die in ihrer Qualität denen der Südkrim nicht weit nachstanden. Mein Großvater ließ im Laufe der Zeit 12 Hektar ausschachten und mit Lehm und Kies auffüllen, darauf erstklassige Weinreben anpflanzen, die nur Qualitätsweine lieferten.

Man wußte wohl, warum man unter so schweren Bedingungen und großem Geldaufwand die Erde „umregolen” (so nannte man das Ausschachten der Erde und Auffüllen der entstandenen Lücken mit Lehm und Kies) ließ. Denn der Wein bildete für die deutschen Bauern eine sehr gute Einnahmequelle. Auch in Fällen, wo die Anbaufläche der Weinberge zwei bis drei Hektar betrug. Das wird sehr deutlich, wenn man die Ernteerträgnisse eines Hektars Weinberg mit denen der Feldfrüchte vergleicht. Die Ernte eines Hektars Weizenaussaat ergab durchschnittlich in der Krim etwa 80 bis 100 Pud (etwa 33 Zentner). Ein Pud Weizen kostete 1.12 Rubel. Bei einer guten Ernte beliefen sich die Brutto-Einnahmen eines Hektars Weizen auf höchstens 100.— bis 120.— Rubel.

Ein Hektar Weinberg ergab ganz andere Einnahmen. Seine Durchschnittsernte betrug 800 bis 1200 russische Wedro (1 russ. Wedro ist inhaltlich dem eines europäischen Wassereimers gleich). Bei guten Ernten auch weit über 2000 Wedro. Je nach der Qualität der Weine zahlte man für 1 Wedro 1 bis 2 Rubel. Für Spitzenweine auch 3 bis 6 Rubel pro Wedro. Nehmen wir hier als Durchschnittspreis nur 1.— oder 1.50 Rubel, dann belaufen sich die Brutto-Einnahraen eines Hektars Weinberge auf mindestens 800.— bis 1800.— Rubel (bei einer Durchschnittsernte). Wollte man diese Summe aus den Erträgnissen des Weizens erzielen, dann müßte man mindestens 10 bis 20 Hektar Weizen anbauen. Allerdings darf hier nicht außer acht gelassen werden, daß die Anlegung eines Weinberges und dessen Bearbeitung mit viel mehr Arbeit und Geldauslagen verbunden ist, als die Bearbeitung der Ackerbaufläche. Der Anbau von Weinbergen lohnte eich aber, denn seine Einnahmen übertreffen die der Landwirtschaft um das Vielfache. Alle diejenigen Bauern, die sich immer mehr auf den Weinbau verlegt hatten, konnten in kurzer Frist zu einem großen Wohlstand gelangen.

Die Weinlese nannte man auf gut schwäbisch „Herbschten” und das Fest der Weinlese „das Herbschtfescht”. Das war immer ein sehr frohes Fest. Alle Dorfbewohner halfen abwechselnd einem jeden Bauern beim Abernten der Weintrauben, die zunächst durch eine Mühle gedreht und hernach in einer Weinpresse durchgepresst wurden. Acht Tage dauerte es, bis der neue Wein seinen Gärungsprozeß in offenen Behältern hinter sich hatte. Dann wurde er in Fässern abgegossen und gelangte schon nach einigen Wochen oder Monaten zum Verkauf. Die großen Weinkellereien in Simferopol, Eupatoria, Jalta, Feodosija, Sewastopol usw. holten den Wein bei den deutschen Bauern ab, um ihn hauptsächlich ins Ausland zu exportieren. Wie hoch der Anteil der Krimer Bauern an dem Wein-Export war, läßt sich leider nicht feststellen, weil darüber keine Statistik geführt wurde. Sachverständige schätzen diesen Anteil aber auf mindestens 60 bis 70 Prozent. Aus den Traubenabfällen — dem sogenannten Tröster — brannte man den „Tröster-Schnaps”, der bei den Russen einen reißenden Absatz fand und den Bauern zusätzlich gute Einnahmen sicherstellte. Bemerkt sei hier noch, daß das Weinlese oder Winzerfest (Herbschtfescht) mit einem fröhlichen Festessen und anschließendem Tanz abgeschlossen wurde.

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Zwar hat die Sowjetregierung diese fleißigen, arbeitsamen und mustergültigen Wein- und Ackerbauern restlos von Haus und Hof vertrieben und sie zu Zwangsarbeiten nach Sibirien verbannt, es wird ihr aber niemals gelingen, ihren Ruhm, Ansehen und Verdienst auszurotten, die sie sich durch die Erschließung weiter Gebiete in der Krim der Weinbau- und Ackerbaukultur und durch Erzeugung von weltberühmten Qualitätsweinen erworben haben.

Im Denken besonnen und klar,

Im Reden offen und wahr,

Im Wollen nur edel und recht,

Im Handeln nur fest und gerecht,

Ohne Hochmut und prahlen im Glück,

Den Kopf recht hoch im Mißgeschick.

Heimatbuch 1955