Ostfreiwillige an deutscher Seite

Veröffentlicht: Donnerstag, 02. November 2017 Drucken E-Mail

Ernst von Heydebrandt.

1.Vorgeschichte

Am 22.6.1941 begann der Krieg gegen die Sowjetunion und damit eine Flut militärischer und allgemeinpolitischer Probleme, auf die beide Seiten schlecht vorbereitet waren.

Die Sowjetarmee hatte ihren Soldaten beigebracht, daß sie in der Gefangenschaft sogleich gefoltert und umgebracht würden und hatte in ihren Rechtsvorschriften das Sichgefangengeben als Verrat mit der Todesstrafe bedroht. Trotzdem kamen im Gesamtverlauf des Krieges 5 ¼ Millionen ihrer Staatsangehörigen in Kriegsgefangenschaft, davon 3,8 Millionen in den ersten Monaten des Krieges. Die Sowjetunion hatte sich von der Haager Landkriegsordnung und dem Genfer Kriegsgefangenenabkommen losgesagt und erklärt, sie kenne keine Kriegsgefangenen, sondern nur Deserteure, Landesverräter und Volksfeinde. An dem von deutscher Seite angebotenen Austausch von Gefangenenlisten erklärte sie dementsprechend ihr Desinteresse. Die deutschen Soldaten sah man, wie später deutlich wurde, ebenso ausschließlich wie fälschlich durch die kommunistische Brille.

Auf deutscher Seite war man, mit wenigen Ausnahmen wie der Abwehr unter Canaris, der Abteilung Fremde Heere Ost im OKH, einiger Angehöriger des AA und des Reichsministeriums für die besetzten Ostgebiete auf die inneren Verhältnisse in der Sowjetarmee, auf die Einstellung der Sowjetsoldaten und ganz besonders auf die Nationalitätenprobleme kaum vorbereitet.

Verbindungen bestanden zwischen der Abwehr und ukrainischen Nationalisten, deren Organisation OUN seit 1929 von Wien aus agitierte. Die Gemeinsamkeit war antipolnisch und antisowjetisch. So operierte im Polenfeldzug eine 600 Mann starke ukrainische Legion unter dem schönen Tarnnamen Bergbauernhilfe. Die Gemeinsamkeit zerbrach, als die Westukraine (Galizien um Lemberg) aus der polnischen Konkursmasse an die SU gegeben wurde. Im Dezember 1940 wurde die Verbindung unterbrochen. Erst unmittelbar vor dem Angriff auf die SU wurden die ukrainischen Legionen „Roland“ in Wien und „Nachtigall“ in Schlesien ausgebildet. Das Bataillon Nachtigall, dem als beratender deutscher Offizier im Dienstgrad eines Oberleutnants Professor Oberländer, der spätere Bundesminister, angehörte, drang denn auch mit den ersten deutschen Truppen im Juni 1941 in Lemberg ein. Im Fall Ukraine, auf den wir später noch zurückkommen, war also, historisch bedingt, ein Anfang vor Juni 1941 vorhanden. Der in Berlin lebende letzte Regierungschef der unabhängigen Ukraine von 1920, Hetman Skoropadski, spielte dabei eine eher geringe Rolle.

Zur großrussischen Emigration, die in Berlin, vor allem aber in Paris und in Jugoslawien reichlich vertreten war, scheint es wenig Verbindungen gegeben zu haben, die eine richtige Einschätzung und Behandlung des zu erwartenden Gegners ermöglicht hätten. Eine gewisse Ausnahme bildete die Kosaken-Emigration. Später sollte sich zeigen, daß die Emigranten von 1920 nicht nur rein physisch älter geworden waren und die Verbindung zur modernen Taktik verloren hatten, sondern einfach den Mentalitätswandel unter mehr als 20 Jahren Sowjetregime nicht selbst erfahren hatten und daher seine Auswirkungen nicht bewerten konnten.

So war das deutsche Erstaunen groß, als man bei den Verhören der ersten Kriegsgefangenen feststellte, daß ein wohl überwiegender Teil antisowjetisch bzw. antibolschewistisch eingestellt war, und daß dies auch von vielen Generalen und Stabsoffizieren bestätigt und geteilt wurde. Häufig wurde die Bereitschaft zum Kampf gegen das Sowjetregime zur Befreiung Rußlands geäußert.

 

Man kann also feststellen, daß beide Seiten von einander überrascht wurden. Diesen für Deutschland günstigen Voraussetzungen folgten bald schwere Rückschläge.
Auf militärischer Seite war man auf die Millionen Gefangenen sehr schlecht vorbereitet. Organisatorische Mängel bewirkten, daß letzten Endes hunderttausende sowjetische Kriegsgefangene im Herbst und Winter 1941 verhungerten und erfroren; dies, obwohl der Generalquartiermeister am 6.8., 21.10. und 2.12. 1941 Verpflegungssätze befohlen hatte, die vergleichsweise höher waren als sie dem deutschen Normalverbraucher nach Kriegsende zustanden.

Auf politischem Gebiet ist bekannt, wie die Zivilbevölkerung fast durchweg die deutschen Soldaten als Befreier begrüßte. Dies entsprach auch der Selbstdarstellung, wie die Führerporträts mit der Aufschrift „Gitler oswoboditel“ = Hitler der Befreier zeigten. Einsatzgruppentätigkeit, Kommissarbefehl, das Verhalten einzelner Reichskommissare und Generalkommissare in den besetzten Gebieten, die verzögerte Wiederherstellung bäuerlichen Privateigentums oder einfach das Ungeschick, das Deutsche oft im Umgang mit fremden Völkern zeigen, führte häufig zum Umkippen der Stimmung und zur ersten Bildung von Partisanenverbänden, was in einander gegenseitig aufschaukelnde Repressalien mündete.

Trotz dieser widrigen Einflüsse stellten sich in stetig wachsender Zahl gefangene und übergelaufene Sowjetsoldaten und auch ungediente Männer der eroberten Gebiete den deutschen Truppen zur Verfügung. Sie wurden als sogenannte Hilfswillige, kurz Hiwis, eingegliedert. Sie taten zunächst Dienst als Troßsoldaten, Bäcker, Fleischer, Wach- und Sicherungspersonal, aber auch ortskundige Begleiter für Spähtrupps. Die Organisationsabteilung des OKH genehmigte schon Anfang 1942, daß jede deutsche Division bis zu 15 % Hiwis haben durfte; bei einzelnen, wie der 134. ID, war es fast die Hälfte des Mannschaftsbestandes.

Hierbei wurden wenig Unterschiede gemacht, ob es sich um Russen, Ukrainer, Weißrussen oder die Angehörigen der Minderheitenvölker handelte. Die offiziellen Sammelbezeichnungen „Ostvölker“ und „ostvölkische Freiwillige“ zeigen dies deutlich.

In den folgenden Ausführungen behandle ich bewußt die baltischen Staaten Estland, Lettland und Litauen nicht, obwohl sie bedeutende Freiwilligenkontingente stellten. Diese Staaten waren erst 1940 von der Sowjetunion annektiert worden; die Völker waren nahezu in ihrer Gesamtheit antisowjetisch orientiert. Die Würdigung der Leistungen ihrer Freiwilligen werde ich in die Behandlung der westlichen Freiwilligen einbeziehen.

Da man schon früh die Notwendigkeit sah, besondere Leistungen durch sichtbare Auszeichnungen zu würdigen, wurde am 14.7.42 die Tapferkeits- und Verdienstauszeichnung für Angehörige der Ostvölker geschaffen. Die Schaffung der Auszeichnung geht wohl darauf zurück, daß Hitler geäußert haben soll, es gehe nicht an, daß ein kaukasischer Hammeldieb mit dem Eisernen Kreuz herumlaufe. Hier das Bild der Auszeichnung. Charakteristisch für das politische Einerlei in der Behandlung ist das Fehlen jeder politischen Symbolik. Die betroffenen Nationalitäten sahen die Auszeichnung zunächst als diskriminierend an, solange bis befohlen wurde, daß die Verleihung auch an das deutsche Rahmenpersonal der ostvölkischen Verbände erfolgen durfte. Später erhielten Ostfreiwillige übrigens auch das Eiserne Kreuz.

Die Zusammenfassung zu größeren nationalen Verbänden war neben den erwähnten ukrainischen Gliederungen der Abwehr Ende 1941 offiziell, d.h. mit Führergenehmigung nur für eine Turklegion und einige kaukasische Einheiten angeordnet. Ihr Schicksal wird uns später noch beschäftigen. Unter Verantwortung der Heeresgruppe Mitte waren russische Versuchseinheiten entstanden, die aber auch Ukrainer und Angehörige anderer Völker umfaßten, bei der Heeresgruppe Süd vor allem Kosakenhundertschaften; auch die Heeresgruppe Nord hatte einen besonderen Verband. Die Zahl der sog. ostvölkischen Freiwilligen wuchs lawinenartig an. Im Frühjahr 1942 waren es 250 000, laut Gehlen schon im Sommer 1942 - 700 000, 1943 - 800 000.

Die politischen Richtungen in Deutschland, die auf das Schicksal der Freiwilligen einwirkten, lassen sich insbesondere für die Anfangszeit in vier Lager aufteilen: die Untermenschentheoretiker, zu denen lange Zeit Hitler und Himmler gehörten, die Vertreter der nationalen Auflösung in möglichst viele gleichberechtigte Völkerschaften ohne großrussische Dominanz, vertreten vor allem durch Rosenberg als Baltendeutschen, den Nützlichkeitsliberalen Goebbels, die Anhänger eines Bündnisses selbständiger freier Völker, ob sie nun unter militärischen Nützlichkeitsgesichtspunkten oder aus echtem Verständnis für die Völker handelten (darunter viele Baltendeutsche, Rußlanddeutsche, Österreicher mit k.u.k.-Erfahrung und einige mit Asien-Erfahrung).

2. Wlassow und die Russische Befreiungsarmee ROA

Andrej Andrejewitsch Wlassow, den manche den russischen de Gaulle genannt haben, ist im Jahre 1900 als Bauernsohn geboren. Nachdem er zunächst ein Priesterseminar besucht hatte, trat er 1919 in die Rote Armee ein, interessanterweise erst 1930 als Bataillonskommandeur in die KPdSU. Er wurde Militärberater bei Tschiangkaischek und machte als Divisionskommandeur einen verschlampten Haufen, den er übernommen hatte, zu einer Mustertruppe, wie die Armeezeitung Krasnaja Swesda schrieb. Im November 1941 war er als OB der 20. Armee bei der Verteidigung Moskaus eingesetzt. Im Juli 1942 geriet er als OB der 2. Stoßarmee am Wolchow in deutsche Gefangenschaft, nachdem er sich geweigert hatte, aus dem Kessel ausgeflogen zu werden. Desillusioniert von der Stalinherrschaft, überrascht durch die faire Behandlung durch die Wehrmacht, war er grundsätzlich bereit, eine Befreiungsbewegung aufzubauen und zu führen, die die kommunistische Herrschaft stürzen und ein freies Rußland mit demokratischen Zügen aufbauen sollte. Es fanden sich kluge deutsche Offiziere, die die Konzeption förderten, nicht mehr einzelne russische Soldaten oder kleinere Verbände kämpfen zu lassen, sondern eine Befreiungsarmee aufzubauen. Sie gehörten im wesentlichen zum OKH, Abteilung Fremde Heere Ost (also Gehlen) und zum OKW, Abteilung Wehrmachtpropaganda. Ein Führererlaß ermächtigte das OKH, Richtlinien für Stellung und Besoldung der russischen Freiwilligen in der Wehrmacht herauszugeben. Wlassows Reaktion war: „Wenn Sie dann 800 000 bis eine Million Mann beisammen haben, werden Sie mir nur 2-300 000 Mann geben, dann entscheiden wir den Krieg in ein paar Monaten“. Einen Aufruf an sowjetische Soldaten, zu den Deutschen überzulaufen, lehnte er ab. Die Russen sollten zur Russischen Befreiungsbewegung kommen, nicht zu den Deutschen.

Wlassow ging nach Berlin, immer noch als Kriegsgefangener, aber gleichzeitig als Mitarbeiter des OKW, Abteilung Wehrmachtpropaganda. Die nächste Station war am 1.3.1943 die Aufstellung der „Ostpropaganda-Abteilung zbV“ in Bataillonsstärke im Lager Dabendorf südlich Berlin, das in der Geschichte der Wlassow-Armee eine große Rolle als ideologisches Zentrum der Befreiungsbewegung spielen sollte. Die Bezeichnung Abteilung, die auf Bataillonsstärke schließen läßt, war irreführend. Der Etat wurde im Lauf der Zeit aufgestockt, bis er acht Generale, 60 Stabsoffiziere und mehrere hundert Offiziere umfaßte. Zugeordnet wurde nach und nach russisches Propagandapersonal bei etwa hundert deutschen Divisionen, die russische Hiwis in ihren Reihen hatten sowie Verbindungspersonal insbesondere zu Kriegsgefangenenlagern; insgesamt 3600 Planstellen in der Kriegsstärkenachweisung (KStN). Dem standen nur 21 Planstellen für deutsche Offiziere gegenüber. Das russische Personal wurde aus der Kriegsgefangenschaft entlassen.

Ein erster großer Erfolg war der Aufruf eines mehr oder weniger fiktiven „Smolensker Komitees“, der in 30-40 Millionen Exemplaren Anfang Januar 1943 verbreitet wurde. Obwohl er natürlich nur jenseits der Front abgeworfen werden sollte, gingen viele Flugblätter diesseits der Front nieder, wo sie bei den Russen riesigen Zuspruch fanden wegen der Versprechungen für ein freies Rußland der Zukunft.

Da Wlassow immer wieder in Ungnade fiel, wobei ihm z.B. im April 1943 jegliche politische Betätigung verboten wurde, durfte sein Name nur propagandistisch gebraucht werden. Er entfaltete immer höchste Wirkung. Als beim späteren Unternehmen „Silberstreif“ rund eine Milliarde Flugblätter abgeworfen wurde, die den Rotarmisten versprachen, sie könnten sich auf deutscher Seite einer Russischen Befreiungsarmee anschließen, desertierten sie zu Tausenden.

Dieser Begriff der Russischen Befreiungsarmee (Russkaja Oswoboditelnaja Armija, ROA) war im Februar 1943 für alle russischen Freiwilligen eingeführt worden. Der Begriff war zu diesem Zeitpunkt aber nicht mehr als Propaganda. Struktur, Organisation und Führerkorps einer Armee gab es nicht.

Das ROA-Armschild mit dem alten russischen Wahrzeichen des Andreaskreuzes ist in seiner Entstehungsgeschichte ein Beispiel für die politischen Umwege und Unsicherheiten. Viele Freiwilligenverbände aus anderen Völkern hatten inzwischen Abzeichen in ihren Landesfarben, nur ausgerechnet die zahlenmäßig so starken Russen nicht. Die traditionelle Farbgebung weiß-blau-rot (wie sie heute wieder gilt) war in Flaggenform tabu. Das blaue Andreaskreuz auf weiß mit roter Umrandung kam letzten Endes durch Billigung des Ostministers Rosenberg zustande, der sich vielleicht nicht ganz bewußt war, daß das Wappen weitgehend der Kriegsflagge der Zarenzeit entsprach.

Das Feldgrau der Uniformen war ursprünglich von deutscher Seite nicht gewollt und den Russen nicht willkommen; später wurde es als Hinweis auf ihre Stellung als Waffenkameraden der Deutschen erleichternd empfunden. Die ursprünglichen breiten russischen Schulterstücke wichen später zumindest bei höheren Offizieren dem deutschen Muster, was aber noch einmal wieder geändert wurde – alles Ausdruck des langwierigen Prozesses der Identitätsfindung.

Russische Verbände, die man der vorläufig noch fiktiven Russischen Befreiungsarmee hätte zuordnen können, gab es in Ansätzen auch jenseits der über deutsche Divisionen verstreuten Hiwis und Ostkompanien bzw. Ostbataillone. Ein englischsprachiger Autor nennt sie prägnant „Experimental Armies“. Die Anfänge bei der Heeresgruppe Mitte hatte ich erwähnt. Ab März 1942 gab es dort einen Verband mit den wechselnden Namen Versuchsverband Mitte, Russisches Bataillon zbV, Unternehmen Graukopf und schließlich Russische Nationale Volksarmee, Russkaja Nationalnaja Narodnaja Armija, RNNA. Ende 1942 umfaßte er 7 000, nach anderen Quellen 10 000 Mann in vier Infanterie-Bataillonen, einer Artillerie-Abteilung und einem Pionier-Bataillon. Die Uniformierung war russisch, und der Einfluß russischer Altemigranten war höher als bei anderen Formationen. Im Dezember 1942 kam das Ende, weil GFM von Kluge die Aufteilung mit Unterstellung der Bataillone unter deutsche Großverbände befahl. Das führte stellenweise zu Meuterei, und 300 Mann liefen zu den Partisanen über. Der Rest wurde den einzelnen örtlichen Bataillonen ( Beresina, Desna, Dnjepr, Pripjet und Wolga) des Ost-Ersatzregiments, später Ost-Ausbildungsregiment, zugeordnet, das ursprünglich etwa um dieselbe Zeit wie die RNNA entstanden war.

Der SD hatte 1942 eine Brigade mit dem Namen Drushina aufgestellt; das Wort läßt sich als Formation oder Leibwache übersetzen. Da sie sich bei Antipartisaneneinsätzen bewährte, folgte eine zweite. Zusammen waren es etwa 3 000, nach anderen Quellen sogar 8 000 Mann. 500 davon wurden als 1. Gardebataillon von Wlassows Russischer Befreiungsarmee bezeichnet und waren damit die ersten Truppen, die, jedenfalls dem Namen nach, ihm zugeordnet wurden. Der Drushina-Kommandeur hatte aber inzwischen das Vertrauen zu den Deutschen verloren und desertierte mit 2 500 der 3 000 zu den Partisanen.

Auf die sogenannte RONA-Brigade (RONA= Russkaja Oswobodeditelnaja Narodnaja Armija, Russische Volksbefreiungsarmee), die sogenannte 1. Russische Nationalarmee oder Grüne Armee und die Anfänge der Kosakenverbände komme ich später zurück. Man wird auch sie zu den Experimental Armies rechnen müssen, aber sie haben ihre eigene Formationsgeschichte, die ausführlicher behandelt werden soll.

Wlassow blieb Galionsfigur einer Propaganda, die die Sowjets haßten und fürchteten, weil sie die Sprengkraft erkannten, die im Aufbau einer echten, um Wlassow zentrierten Befreiungsarmee gelegen hätte. Nach einer ketzerischen Äußerung bei einem Besuch der Heeresgruppe Nord, er lade seine deutschen Gastgeber zur Feier des Sieges über den Stalinismus nach Leningrad ein, wurde Wlassow am 18.4.43 jede eigene Propagandatätigkeit verboten. Gleichwohl wurde sein Name weiter benutzt.

Nebeneinander und oft gegeneinander (sobald es um Verbände über Bataillonsstärke ging) agierten das Russische Befreiungskomitee im Lager Dabendorf und die OKH-Dienststelle „General der Osttruppen“ – wieder so eine unglückliche Bezeichnung, die auf nationale Differenzierungen keine Rücksicht nahm und damit alle genau so diskriminierte wie das unselige Ostarbeiterabzeichen. Erst 1944 wurde daraus der „General der Freiwilligenverbände“, etwa zeitgleich mit dem Dienstantritt des Generals Köstring, des ehemaligen deutschen Militärattachés in Moskau, eines Rußlanddeutschen. In einer Besprechung am 8.6.43 äußerte Hitler: „Wir bauen nie eine russische Armee auf, das ist ein Phantom ersten Ranges“. Damit war Rosenberg gescheitert, der ein halbes Jahr vorher gesagt hatte: „Es ist nicht zu erwarten, daß ein Russe, Ukrainer, Este oder Georgier für uns kämpft und stirbt, wenn er sein Volk in einem Zustand der Diffamierung sieht“ oder auch Goebbels, der im Frühjahr 1943 geäußert hatte: „Wir müssen im Osten nicht nur Krieg führen, sondern Politik machen“. Der nächste Schlag folgte im September 1943: Es wurde befohlen, alle Osttruppen in den Westen zu verlegen, was bis Anfang 1944 abgeschlossen war. Sie wurden „vierte Bataillone“ –ein fester Begriff- in allen an der Atlantikküste eingesetzten Regimentern, aber auch in Dänemark, Norwegen und Italien. Stillschweigend behielten viele Großverbände der Ostfront eine Anzahl „ihrer“ Russen.

Für die Motivation der antikommunistischen Freiheitskämpfer war die Westverlegung vernichtend. Findige Kommandeure und ein von Wlassow nicht autorisierter Brief versuchten zu erläutern, das Zusammenfügen zu einer großen Befreiungsarmee könne nicht im Hinterland der Ostfront, sondern nur in der relativen Ruhe im Westen erfolgen. Die Einrichtung eines Generals der Freiwilligenverbände beim Oberbefehlshaber West nützte wenig.

1944 begann unter dem Eindruck der zunehmend verzweifelten Kriegslage ein langsames Umdenken. Einzelne Führer der Waffen-SS hatten sich schon immer für die Wlassow-Problematik interessiert. Himmler dagegen hatte noch im Oktober 1943 Wlassow als „Schwein“ und „Schlächtergeselle“ bezeichnet. Nun wurde durch Vermittlung des Obergruppenführers Berger, der seine ursprünglich himmlerschen Überzeugungen geändert hatte, der baltendeutsche Rechtsanwalt und SS-Oberführer Dr. Kroeger zum Verbindungsmann Himmlers zu Wlassow ernannt. Die Konzeption, Freiwillige aus der Sowjetunion zu größeren schlagkräftigen Verbänden zusammenzufassen, war als ohne Wlassow undurchführbar erkannt worden.

Im September 1944 empfing Himmler Wlassow. Als Ergebnis hieß es zunächst, zehn russische Divisionen seien genehmigt; das Komitee zur Befreiung der Völker Rußlands dürfe souverän arbeiten, das Ostarbeiterabzeichen verschwinde. In einem anschließenden Fernschreiben las sich manches anders. Plötzlich waren es nur noch drei Divisionen. Außerdem war von einem russischen Befreiungskomitee die Rede; es sollte also den bestehenden Komitees der anderen Völker gleich-, nicht übergeordnet werden. OKW, Ostministerium und Auswärtiges Amt sprachen selbst dabei von einer Extratour Himmlers. Der alte Gegensatz um die Raum- und Völkerkonzeption war in aller Schärfe wieder da. Dies, obwohl Wlassow sich allmählich vom Großrussen zum Föderalisten gewandelt hatte. Listig hatte er aus einer Hitler-Rede vom 7.3.1938 zitiert: „Die europäischen Völker stellen nun einmal eine Familie dar. Es ist wenig klug, sich einzubilden, auf die Dauer in einem so beschränkten Haus wie Europa eine Völkergemeinschaft verschiedener Rechtsordnung und Rechtswertung aufrechterhalten zu können“. (Randbemerkung: nun wissen wir, woher Gorbatschow seine Redewendung vom „Haus Europa“ hat!). Schließlich liefen die Vorarbeiten zu einem politischen und militärischen Programm dann doch unter dem Schlagwort „Komitee zur Befreiung der Völker Rußlands“ (KONR), wobei die Ungenauigkeit darin lag, daß nur einzelne Komitees mitarbeiteten, andere sich aber strikt verweigerten.

Die Propaganda war den Tatsachen weit vorausgeeilt. So erweckte eine Veröffentlichung im Heeresverordnungsblatt vom 17.7.1944 über die Abzeichen der Freiwilligen aus dem Osten den Eindruck, als gebe es eine alle russischen Freiwilligen umfassende Russische Befreiungsarmee und ein Ukrainisches Befreiungsheer für alle Ukrainer, obwohl in der noch verbleibenden Zeit bis zum Kriegsende eine solche Einheitsorganisation auch nicht entfernt erreicht wurde.

Am 14.11.1944 trat Wlassow in einer politisch hochrangigen Veranstaltung in Prag mit dem KONR an die Öffentlichkeit und verkündete sein Programm der 14 Punkte. Es ist von manchen Beobachtern fortschrittlich-sozialdemokratisch genannt worden. Hitler und der Nationalsozialismus kamen darin nicht vor. Zum Verhältnis Deutschlands zu Rußland sagte es: „Das Befreiungskomitee begrüßt die Hilfe Deutschlands unter Bedingungen, die weder die Ehre noch die Unabhängigkeit unserer Heimat verletzen. Diese Hilfe stellt gegenwärtig die einzige reale Möglichkeit dar, den Kampf gegen die Stalinsche Clique zu organisieren“. Eine recht selbstbewußte Sprache angesichts der Kriegslage im November 1944! Den einzelnen Völkerschaften auf dem Gebiet der SU wurden im Programm „Selbstbestimmung und Souveränität“ versprochen. Die meisten Völkerkomitees blieben auf Distanz, weil sie nicht glaubten, daß Wlassow von der großrussischen Dominanz im einen, unteilbaren Rußland abgerückt sei.

Nun endlich konnte es an die Aufstellung einer wirklichen russischen Befreiungsarmee gehen. Schon am 23.11.1944 erteilte der Generalstab des Heeres den Aufstellungsbefehl für die 1. Russische Division, nach deutscher Organisationsbezeichnung 600. ID (russisch). Kommandeur wurde der gebürtige Ukrainer Bunjatschenko, ein ebenso fähiger wie äußerst eigenwilliger Offizier.

In die im Dezember 1944 bereits 13 000 Mann starke, bis zum Aufstellungsende März 1945 auf 18-20 000 Mann anwachsende Division wurden im wesentlichen geschlossene Verbände aus bisher deutscher Unterstellung übernommen. Die Division wurde auf dem Truppenübungsplatz Münsingen, gegliedert nach dem für Infanteriedivisionen damals modernsten Vorbild, der Volksgrenadierdivision, aufgestellt. Die Ausrüstung war gemischt aus deutschen und Beutewaffen. Mannschaftsstärke und Feuerkraft lagen weit über den Vergleichszahlen einer sowjetischen Schützendivision. Die Disziplin wurde bald als gut bezeichnet.

Am 28.1.1945 wurde Wlassow von Hitler zum Oberbefehlshaber der russischen Streitkräfte ernannt und ihm alle neu aufzustellenden oder durch Umgruppierung entstehenden Verbände unterstellt.

Am 17.1.1945 wurde die Aufstellung der 2. russischen Division, deutsch 650. ID (russisch), befohlen. Kommandeur wurde Swerew, der als preußisch, höflich, aber auch eigenwillig bezeichnet wurde. Die Aufstellung dauerte bis 19.4.1945; dann war sie personell, aber noch nicht bei der Waffenausstattung beendet.

Für eine 3. Division, deutsch 700. ID (russisch) unter Schapalow standen zwar schon im Februar 1945 10 000 Mann bereit, aber die Aufstellung gelang nicht mehr.

Zu den zwei bzw. drei Divisionen kamen eine Reservebrigade, die Offizierschule und eine Panzerjagdbrigade in Stärke von 140 Offizieren und 1100 Unteroffizieren und Mannschaften. Daneben gab es Luftstreitkräfte unter Maltschew. Ihre Vorläufer hatten sich unter Regie der deutschen Luftwaffe ähnlich den Heeresverbänden entwickelt. Kluge Offiziere hatten ihnen allerdings mit größerer Freiheit als beim Heer von Anfang an einen gleichwertigen Einsatz „Flügel an Flügel“ ermöglicht, wie es ein russischer Fliegeroffizier ausdrückte. Der Aufstellungsbefehl für die Luftwaffe der ROA war am 19.12. 1944 von Göring ergangen. Entsprechend damaligen deutschen Organisationsgrundsätzen wurden 4 500-5 000 Mann gegliedert in fliegende Verbände (Bomber, Stukas, Jäger, Transportmaschinen und Kurierflugzeuge), Flakartillerie, Fallschirmjäger und Luftnachrichtentruppe. Dem deutschen Verbindungsoffizier, General Aschenbrenner, wurde bestätigt, daß er den Russen volle Selbständigkeit ließ.

Alles in allem unterstanden Wlassow befehlsmäßig bis zum Kriegsende nicht viel mehr als 50 000 Mann, also um 1/15 aller Freiwilligen aus dem Gebiet der Sowjetunion.

Am 10.2.1945 übernahm er in Münsingen den Oberbefehl über die 1. und 2. Division in einem großen Appell. Er sprach dabei von den Fehlern, die bis dahin von beiden Seiten gemacht worden seien.

Am 2.3.1945 befahl das OKW verspätet folgendes zur Uniformierung: Die russischen Truppen legten den deutschen Hoheitsadler ab und waren nun durch ihre Nationalkokarde, die russischen Schulterstücke und das ROA-Armschild am rechten Arm gekennzeichnet (dasselbe Schild am linken Arm galt für Verbände, die noch nicht Wlassow unterstellt worden waren). Soweit noch deutsches Verbindungspersonal vorhanden war, hatte es das bis dahin getragene Armschild abzulegen.

Die russischen Soldaten leisteten folgenden Eid: „Als treuer Sohn meiner Heimat trete ich freiwillig in die Reihen der Streitkräfte des Komitees zur Befreiung der Völker Rußlands. Im Angesicht meiner Volksgenossen schwöre ich feierlich, daß ich ehrlich bis zum letzten Blutstropfen unter dem Oberbefehl des Generals Wlassow für das Wohl meines Volkes gegen den Bolschewismus kämpfen werde. Dieser Kampf wird von allen freiheitsliebenden Völkern im Bündnis mit Deutschland unter dem obersten Befehl Adolf Hitlers geführt. Ich schwöre, daß ich diesem Bündnis die Treue halten werde.“ Die beiden letzten Sätze gingen auf Wünsche des OKW zurück.

Beim geschilderten Zeitablauf blieb den Wlassow-Streitkräften bis Kriegsende kaum noch Zeit für eine Bewährung im Kampf. Von den Vorläuferformationen hatten sich viele in Ost und West bewährt.

Teile der ROA sollten, um erneut aufgetretene Zweifel Hitlers zu beseitigen, auf Vorschlag von SS-Obergruppenführer Berger einen Beweis ihrer Kampftüchtigkeit liefern. Eine kleine Stoßeinheit aus drei Zügen bewährte sich am 9.2.1945 bei einem Einbruch in die Sowjetstellungen bei Neu-Lewin östlich Wriezen an der Oderfront hervorragend. Die Heeresgruppe Weichsel meldete dem OKH: „Bei der Einnahme von Neu-Lewin zeichnete sich das Kommando der Wlassow-Armee durch geschickte Kampfführung und hervorragende Tapferkeit aus“. Unter der Hand wurde deutlich gesagt, daß der russische Angriff müde und demoralisierte deutsche Soldaten mitreißen mußte.

Ein russisches Grenadierregiment, das von der in Dänemark stationierten Russischen Brigade 599 zur ROA verlegt worden war, war vom 10.3-9.4. im Oderfront-Einsatz bei Gartz (zwischen Schwedt und Stettin). Über seine Bewährung gibt es keine zuverlässigen Aussagen.

Am 2.3.1945 wurde der Einsatz der gesamten 1.Division an der Oderfront befohlen. Der Kommandeur Bunjatschenko hielt das für verfrüht wegen noch ungenügender Verbandsausbildung. Ein bei Stettin geplanter Einsatz entfiel, die Division wurde in Richtung Frankfurt/Oder umgeleitet. Ihr wurde die Aufgabe gestellt, einen stark befestigten Brückenkopf von 4x2 km bei Erlenhof südlich Fürstenberg zu beseitigen. Dem Fahnenjunkerregiment 1233, also ausgesuchten deutschen Soldaten, war das bisher nicht gelungen. Am 13.4.1945 begann nach großer Feuerzusammenfassung der Artillerie der Angriff. Der Einbruch gelang. Geringe Fliegerunterstützung half. Dann blieben der erste und ein zweiter Angriff vor Feldbefestigungen und Drahthindernissen im Flankenfeuer der Sowjets liegen. Bunjatschenko brach den Angriff ab und nahm seine Verbände zurück. Die meisten Zeitzeugen, auch sowjetische, bestätigen, daß die Division sich tapfer geschlagen hatte und kein Soldat übergelaufen war. Bunjatschenko wollte Kampfkraft retten und berief sich zur Rechtfertigung seiner Eigenmächtigkeit auf seinen Verbündetenstatus.

Als er für die nächsten Operationen in einem weiter südlichen Bereich bei der Heeresgruppe Mitte einer deutschen Division unterstellt werden sollte, sprach er von Unverschämtheit und Beleidigung. Der Oberbefehlshaber der Heeresgruppe, Generalfeldmarschall Schörner, griff ein und hob die Unterstellung auf. Er fand sich auch damit ab, daß Bunjatschenko beim Weitermarsch nach Süden nicht befehlsgemäß Richtung Görlitz abschwenkte, sondern seinen Marsch in Richtung Protektorat fortsetzte. Noch mehrere weitere Befehle Schörners wurden ignoriert. Sein Chef des Generalstabs flog zum Divisions-Gefechtsstand bei Tetschen-Bodenbach und überbrachte den Befehl zum Einsatz bei Brünn. Bunjatschenko stimmte zu, nahm aber in Wirklichkeit einen anderen Marschweg. Schörner selbst flog noch einmal zum neuen Gefechtsstand. Danach befahl er am 29.4. dem Befehlshaber Erzgebirge, Hoth, in Zusammenwirken mit dem Wehrmachtbefehlshaber Prag die Division zu entwaffnen. Wlassow erfuhr von den Entwicklungen, flog ins Hautquartier der Heeresgruppe Mitte und legte Schörner die politischen Verhältnisse um die ROA dar. Das Ergebnis war, daß Schörner nicht mehr versuchte, die Division an die Front zu zwingen und gegenüber Bunjatschenkos Bewegungen die Augen schloß.

Das Befreiungskomitee KONR, inzwischen nach Karlsbad ausgewichen, hatte am 28.3.1945 beschlossen, alle Teile der ROA an einer Stelle im Alpenraum zu sammeln und mit den Kosaken vom XV. Kosaken-Kavalleriekorps zusammenzufassen. Man wollte das Interesse des Westens auf sich lenken und zusammen mit den serbischen Tschetniks auf dem Balkan gegen die Sowjets kämpfen. Als Versammlungsraum für den Armeestab, die 2. Division und andere Einrichtungen wurde der Raum Linz/Budweis gewählt.

Ob auch Bunjatschenko dorthin weitermarschieren wollte, ist ungeklärt. Tatsächlich ließ er sich von Tschechen, die den Aufstand in Prag planten, zur Hilfe überreden. Über diese Zielsetzung konnten sich Bunjatschenko und Wlassow nicht einigen. Wlassow resignierte. Bunjatschenko erläuterte dem deutschen Verbindungsoffizier in aller Offenheit, das Reich breche zusammen, die russischen Kräfte dürften den Sowjets nicht in die Hände fallen, und er wolle mit den Tschechen bis zum Eingreifen der Amerikaner gemeinsame Sache machen.

Es folgte ab 5.Mai der Prager Aufstand mit seinen unvorstellbaren Grausamkeiten gegen alle Deutschen. Die 1. ROA-Division griff ab 6.5. deutsche Verbände an. Sie drang in den Stadtkern vor. Die tschechischen Aufständischen begannen sich zu distanzieren, als klar wurde, daß Sowjets und nicht Amerikaner Prag besetzen würden. Bunjatschenkos Division brach am 7./8.5. die Kämpfe ab und marschierte nach Westen. Am 9.5. rollten die ersten Sowjetpanzer in Prag ein. Nun wurden auch verwundet zurückgebliebene ROA-Soldaten ermordet.

Der Verrat Bunjatschenkos ist interessanterweise oft in unerwarteter Form bewertet worden. Überlebende der ROA haben von einem unerhörten Akt der Niedrigkeit, vom verräterischen Stoß in den Rücken gesprochen. Deutsche, wie der SS-Obergruppenführer Dr. Kroeger, oder der Leiter des deutschen Verbindungskommandos, Major Schwenninger, betonten, die Tat habe sich nicht gegen die Deutschen gerichtet, sondern sei ein Verzweiflungsschritt für das Überleben gewesen, der es nicht gestatte, über Bunjatschenko, geschweige denn die Wlassow-Bewegung den Stab zu brechen.

Die Nord- wie die Südgruppe der ROA gerieten überwiegend in US-Gefangenschaft, aus der sie bis 1946 an die Sowjets ausgeliefert wurden. Teile fielen direkt in die Hände der Sowjets.

Am 1.8.1946 wurden nach einem Scheinprozeß hinter verschlossenen Türen Wlassow und elf weitere höhere Führer der ROA gehängt. Soweit die ROA-Angehörigen nicht im Blutrausch der ersten Wochen direkt ermordet wurden, landeten sie im Gulag oder vor Gericht. Manche konnten entkommen und bildeten in aller Welt zeit ihres Lebens enge Kameradschaften, von denen eine Vielzahl literarischer Veröffentlichungen ausging.

3. Die Russische Volksbefreiungsarmee RONA (Kaminski-Brigade)

Unter den vorher erwähnten „experimental armies“ der Anfangszeit verdient die RONA-Sturmbrigade eine nähere Betrachtung.

Frontnähere Teile der von der Wehrmacht besetzten Gebiete fielen nicht unter die Zuständigkeit von Rosenbergs Ostministerium, sondern unter Militärverwaltung. Im Gebiet von Lokot zwischen Kursk und Orel wurde ein Experiment frontnaher russischer Selbstverwaltung unternommen: eine gut funktionierende lokale Selbstverwaltung mit eigener Polizei wurde eingerichtet. Der erste Verwaltungschef wurde schon Anfang 1942 von Partisanen ermordet. Ihm folgte der berühmt-berüchtigt gewordene Kaminski, ein 1901 geborener Ingenieur polnischer Abkunft. Er hatte glänzende Organisationsfähigkeiten, die er unter Protektion des Oberbefehlshabers der 2. Panzerarmee entfalten konnte. Seinen Machtbereich dehnte er bis Ende 1942 auf ein Gebiet mit 1,7 Millionen Einwohnern aus, in dem es 284 Schulen, ein Theater, ein Ballett, eine eigene Zeitung und ein eigenes Steuersystem gab. Er schaffte das Kolchossystem ab, und die Bauern seines Gebiets erwirtschafteten hohe Überschüsse.

Sein Gebiet sicherte er durch eine eigene Armee, die Russische Volksbefreiungsarmee (oder genauer Russische Befreiungs-Volksarmee) RONA (Russkaja Oswoboditelnaja Narodnaja Armija). Von 5 000 Mann Mitte 1942 wuchs sie auf 10 000, nach anderen Angaben 20 000 Mann im Jahr 1943, gegliedert in fünf Infanterieregimenter, eine Panzerabteilung, ein Pionierbataillon, ein Gardebataillon und eine Flakabteilung. Die Soldaten schworen einen persönlichen Eid auf Kaminski. Sie trugen ein Armschild mit schwarzem Kreuz (manche schreiben Georgskreuz oder – sicher falsch – Malteserkreuz) und den russischen Buchstaben RONA auf weißem Grund. Der Großverband war äußerst erfolgreich in der Partisanenbekämpfung und erhielt beträchtlichen Zulauf durch Sowjet-Überläufer. In Zeiten ohne Kampf betätigten sich die Soldaten als Wehrbauern.

Als die Frontlage sich änderte, marschierten etwa 6 000 Soldaten und 25 000 Zivilisten aus ihrer Heimat Richtung Westen nach Weißrußland. Nach manchen Angaben sind sogar insgesamt 50 000 Menschen in diesem Treck gewesen. In den Rückzugskämpfen bewährte sich die Truppe wiederum. Das neue Siedlungsgebiet mußte erst partisanenfrei gekämpft werden. Die dortige Bevölkerung war feindselig, die Moral verfiel. Als Teile zum Feind desertierten, preßte Kaminski gefangene Partisanen in seinen Dienst – sicher kein Gewinn!

Im März 1944 ging es noch weiter nach Westen zurück, in die westlichen Gebiete Weißrußlands. Der Verband erweckte das Interesse der Waffen-SS. Kaminski wurde zum SS-Standartenführer oder sogar Brigadeführer ernannt, die RONA wurde zur 29. Waffen-Grenadier-Division der SS (russische Nr.1). Im Sommer 1944 mußte der Verband einschließlich der vielen Zivilisten noch weiter nach Westen ziehen. Er befand sich in Oberschlesien, als der Warschauer Aufstand ausbrach. Den Befehl, an dessen Niederschlagung mitzuwirken, verweigerte Kaminski zunächst, so wie er vorher schon die Bekämpfung polnischer Partisanen verweigert hatte mit der Begründung, er kämpfe nur gegen den Bolschewismus. Er mußte schließlich nachgeben und ein Regiment entsenden. Von der offiziellen Plünderungsfreiheit machten die unbedarften jungen Leute reichen Gebrauch und begingen darüber hinaus scheußliche Verbrechen. Das kostete Kaminski Ansehen und Leben. Er wurde standrechtlich erschossen. Das Regiment wurde herausgezogen. Den Soldaten der Brigade wurde bekanntgegeben, Kaminski sei einem Partisanenhinterhalt zum Opfer gefallen.

Im November 1944 wurde die Division aufgelöst. Rund 5 000 Mann wurden in die 1. ROA-Division überführt, die sich anfangs heftig gegen die Übernahme sträubte, weil sie durch diesen demoralisierten Haufen Wlassows Ideale kompromittiert wähnte.

4. Die Grüne Armee unter Holmston

Einer der eigenartigsten russischen Verbände, der auch jede politische und operative Verbindung mit Wlassow ablehnte, war die später sogenannte 1. Russische Nationalarmee. Ihr Führer war 1897 in Finnland, damals Bestandteil des Russischen Reiches, unter dem Namen Smyslowski geboren und wurde russischer Gardehauptmann. Zwischen den Weltkriegen war er zeitweise polnischer Staatsbürger und wurde unter seinem Kriegsnamen Holmston bekannt. Im Juli 1941 hatte er, nun als Major der Deutschen Wehrmacht unter dem Namen von Regenau, ein russisches Lehrbataillon im Nordabschnitt der Ostfront gebildet, aus dem sich nach und nach ein Verband von 12 Bataillonen entwickelte, der sich als Keimzelle nationalrussischer Streitkräfte betrachtete. Der Verband hieß dann „Sonderdivision R“. Im Dezember 1943 wurde er aufgelöst und der Kommandeur verhaftet.

Im April 1944 wurde er von der Abteilung Fremde Heere Ost zur Partisanenbekämpfung wieder aufgestellt. Ab Ende Februar 1945 hieß er „Grüne Armee z.b.V.“, ab 10.3.1945 „1. Russische Nationalarmee“. Er erhielt formal den Status einer verbündeten Streitmacht, blieb aber taktisch und organisatorisch der Wehrmacht unterstellt. Seine rund 6 000 Mann, zu 80 % Kriegsgefangene und Überläufer, wurden fast ausschließlich von Altemigranten geführt. Die Einheiten waren praktisch über die gesamte Ostfront verstreut.

Holmston war voller Anerkennung, ja Bewunderung für Wlassow, hielt aber dessen politischen Weg für falsch. Er glaubte nicht an den selbständigen russischen Weg und wollte seinen Verband nicht mit den Ideen des Prager Manifestes befrachten, sondern bewußt der Wehrmacht unterstellt bleiben.

In einem letzten Telefongespräch mit Wlassow lehnte er auch dessen Vorschlag ab, sich in Böhmen zumindest örtlich mit der ROA zu vereinen. Stattdessen wandte er sich nach Südwesten. In der Nacht vom 2. zum 3. Mai 1945 überschritten 73 Offiziere, 389 Unteroffiziere und Mannschaften sowie 30 Frauen und zwei Kinder die Grenze nach Liechtenstein. Das Fürstentum hat den Ruhm, trotz erheblicher politischer Pressionen keinen Menschen an die Sowjets ausgeliefert zu haben. Die meisten Holmston-Russen wanderten später nach Argentinien aus.

5. Die Russische Brigade 599

Außerhalb der ROA bestanden russische Verbände überwiegend nur bis zur Gliederungsebene des Bataillons, sehr selten des Regiments. Eine Ausnahme bildete der Befehlsbereich des Wehrmachtbefehlshabers Dänemark. Hier gab es Mitte 1944 bei damals insgesamt fünf Ostbataillonen schon ein russisches Grenadierregiment. Weitere Ost-Einheiten und Verbände wurden ständig zugeführt, zum Teil in Austausch gegen deutsche Verbände. Der Wehrmachtbefehlshaber beantragte im November 1944, die russischen Verbände zu verstärken und zu einer Russischen Freiwilligen-Division zusammenzufassen. Statt dessen befahl das OKH im Januar 1945 die Aufstellung der Russischen Brigade 599 (bodenständig), die nicht zur ROA gehörte und im Gegensatz zu dieser deutsches Rahmenpersonal behielt. Von den vorgesehenen Infanterieregimentern mußte noch während der Aufstellung eins an die ROA abgegeben werden; es ging, wie schon erwähnt, mit zwei Bataillonen zum Einsatz bei der Heeresgruppe Weichsel an der nördlichen Oderfront bei Gartz und wurde anschließend der 1.ROA-Division zugeführt; das dritte Bataillon ging zur Aufstellung der 2. ROA-Division auf den Truppenübungsplatz Heuberg. Die Stärke der Brigade sollte bis zu 13 000 Mann betragen und damit einer schwachen Division entsprechen. Diese von Hoffmann in seinem Werk über die Wlassow-Armee genannte Stärke dürfte nie erreicht worden sein. Die Brigade gliederte sich in den Stab mit Kampfschule, zwei GrenRgter, ein ArtRgt (geplant, wirklich aufgestellt wurde wohl nur eine Abteilung), eine AufklAbt, je eine PzJg-, Nachrichten- und PiKp und Versorgungstruppen.

Nach dem Waffenstillstand marschierte die Brigade mit allen anderen deutschen Truppen Richtung Deutschland. Sie wurde schon früh unter meutereiähnlichen Erscheinungen entwaffnet, und das deutsche Rahmenpersonal wurde herausgelöst. Die Russen traf, wie überall, das Schicksal der Auslieferung in die Sowjetunion.

6. Das Russische Schutzkorps Serbien (Stejfon)

Nach 1920 hatten sich viele Soldaten der Verbände, die gegen die Rote Armee gekämpft hatten, in das neugebildete Jugoslawien zurückgezogen. Exilrussen bildeten 1941 nach dem deutschen Einmarsch in das Land eine Werkschutzgruppe, aus der durch OKH-Befehl vom 29.10.1942 das Russische Schutzkorps Serbien wurde. Der kleinen Exilarmee wurde auch eine Anzahl sowjetischer Krieggefangener zugeführt. Im September 1943 betrug die Stärke des Schutzkorps rund 5 500 Mann, gegliedert in drei Regimenter. Sie bewährten sich im Wachdienst und der Bandenbekämpfung. Der von ihnen gewünschte Einsatz an der Ostfront wurde nicht genehmigt.

Im September 1944 hatte das Korps rund 11 000, nach anderen Angaben 16 000 Freiwillige und besaß einen eigenen Kavallerieverband. Die Masse ist im Kampf mit Partisanen und mit den vorrückenden Sowjettruppen gefallen.

Drei schwache Regimenter, etwa 4 000 Mann, schlugen sich nach Kroatien durch. Der Kommandeur Stejfon erklärte die Bereitschaft, sich Wlassows Befreiungskomitee zu unterstellen, was im Januar/Februar 1945 die Zustimmung der amtlichen deutschen Stellen fand. Die Truppen sollten jedoch nicht aus der Front herausgezogen werden. Im Mai 1945 kapitulierten die Reste bei Klagenfurt vor den Engländern. Es erscheint wie ein Wunder, daß sie nicht, wie fast alle anderen Russen, an die Sowjetunion ausgeliefert wurden.

7. Die Kosaken

Die Kosaken mit ihren besonderen Lebens- und Organisationsformen, auch angestammten Privilegien, hatten sich kaum mit der Russischen Revolution anfreunden können. Seit Jahrhunderten hatten sie in bestimmten Bezirken als Wehrbauerngemeinschaften gelebt und geschlossene Eliteverbände des russischen Heeres gebildet. Viele von ihnen hatten mit ihren Verbänden gegen die Russische Revolution gekämpft, viele waren emigriert, vor allem nach Deutschland, Frankreich und Jugoslawien. So waren sie naturgemäß unter den ersten, die die deutsche Wehrmacht als Befreierin begrüßten.

Schon am 22.8.1941 trat das kosakische Infanterieregiment 436 unter Kononow fast geschlossen zur Wehrmacht über. Es bildete bei der Heeresgruppe Mitte das Donkosakenregiment 120, später Donkosakenabteilung 600 genannt. Seine 3 000 Mann waren bei der Partisanenbekämpfung bald unentbehrlich. Neben echten Kosaken hatten sich auch andere Russen und Ukrainer „hineingemogelt“.

Politisch waren auf deutscher Seite die Kosaken von Anfang an als Verbündete willkommen. Dabei spielten neben der Anerkennung ihrer politischen Einstellung auch krause Völkertheorien eine Rolle, so z.B., sie seien die Nachkommen der nicht nach Westen mitgezogenen Teile der Ostgoten.

Schon Ende 1941 wurde die Aufstellung geschlossener Kosakenverbände der Wehrmacht offiziell genehmigt. Die Kubankosaken erhielten sogar ihren autonomen Bezirk zugewiesen. Neben der Donkosakenabteilung 600 bei der Heeresgruppe Mitte gab es schon früh das Kosakenregiment Jungschulz bei der Heeresgruppe Süd, wo sich die meisten Kosakenverbände sammelten.

1942 trat erstmals der Mann auf, mit dessen Namen Deutsche und Russen den Begriff der Kosakenarmee am engsten verbinden: der damalige Oberst, spätere Generalleutnant von Pannwitz. Am 8.11.1942 wurde er zum Kommandeur aller Kosakenformationen ernannt, obwohl sein Verband zunächst nur die Bezeichnung „Reiterverband von Pannwitz“ erhielt. Bei der Übergabe des Eichenlaubs zum Ritterkreuz an Pannwitz sprach Hitler von sich aus das Kosakenproblem an und gab seinen obersten Segen für die Kosakenverbände.

Inzwischen war durch die Stalingradschlacht der größte Teil der Kosakenheimat verloren gegangen. Neben zahlreichen kleineren Einheiten standen der Donkosakenverband 600, das Regiment Jungschulz sowie die Regimenter Platow und Kuban als vollwertige Regimenter an der Ostfront.

Am 21.4.1943 begann auf dem Truppenübungsplatz Mielau (polnisch Mlawa) an der ostpreußischen Südgrenze die Aufstellung der 1. Kosakendivision. Den Kern bildeten die erwähnten Regimenter; der Donkosakenverband 600 wurde zum Donkosakenregiment 5, übrigens dem einzigen Regiment mit ausschließlich russischen Offizieren. Das Zusammenfügen zu einem einheitlichen Großverband war wegen vieler innerer Gegensätze, wie dem zwischen ehemaligen Sowjetuntertanen und Altemigranten schwierig. Eine Art überkommener innerkosakischer Soldatendemokratie half: ein Kosakenrat besprach Beförderungen und ähnliche Maßnahmen und informierte die höheren deutschen Vorgesetzten. Stabilisierend wirkte auch die kirchliche Arbeit.

Im September 1943 war der Divisionsaufbau abgeschlossen: zwei Regimenter Donkosaken, zwei Regimenter Kubankosaken, ein Regiment Terekkosaken und ein Regiment sibirische Kosaken. Jedes Regiment hatte um die 2 000 Mann, gegliedert in neun Schwadronen und 160 Mann deutsches Rahmenpersonal. Dazu kam ein Lehr- und Ersatzregiment. Von den rund 12 000 Mann sind bis Kriegsende ganze 250 desertiert.

Die Division wurde nicht, wie von ihren Soldaten gewünscht, an der Ostfront eingesetzt. Vermutlich war wieder einmal Mißtrauen der Grund. Stattdessen kam sie nach Jugoslawien, wo sie sich im Partisanenkampf hervorragend bewährte. Mit dem Gelände und dem Gegner kam sie besser zurecht als der Durchschnitt der deutschen Truppen.

Die Führung mußte unkonventionell sein gegenüber den außerhalb des Kampfes nicht gerade preußisch disziplinierten Kosaken. Ein Transportführer ließ Wachen mit MPi beim Halten an den Eisenbahnwagen entlangschießen, um die üblichen Lebensmittel-Organisationsausflüge zu verhindern. Wer als Säufer aufgefallen war, dem wurde solange Fusel eingeflößt, bis er ein für allemal genug hatte. Bei kleineren Vergehen mußte der Delinquent auf einen Baum klettern und dort sitzen bleiben, während die Kameraden unten vorbeiflanierten. Traditionelle Disziplinarstrafen bewirkten dagegen wenig.

Am 10.11.1943 erging die recht bekannte Deklaration der Reichsregierung an das Kosakenvolk, unterzeichnet von Rosenberg und Keitel, die die alten Volksrechte, das eigene Land und, solange dies noch nicht zurückerobert war, eine andere territoriale Selbständigkeit im Neuen Europa versprach.

Während die 1.Kosakendivision auf dem Balkan kämpfte, waren nach der Invasion im Westen zwei Bataillone in Brest und eines am Atlantikwall eingesetzt – wieder ein Beispiel für den aus Mißtrauen geborenen instinktlosen Einsatz hoch motivierter Freiwilliger gegen den ideologisch falschen Feind!

Ende 1944 wurde die 1.Kosakendivision durch Neuzugänge verstärkt und umgegliedert zum XV.Kosaken-Kavalleriekorps, bestehend aus zwei Kavalleriedivisionen und einer Plastun-Dision, bis zur Auffüllung 3. Plastunbrigade genannt (Plastun = Infanterie). Bei dieser letzteren finden wir wieder den schon erwähnten Kononow und die Besonderheit des ausschließlich russischen Offizierkorps. Die Gesamtstärke des Korps wird überwiegend mit 30-40 000 Mann angegeben.

Zur 3. Plastunbrigade traten noch einige tausend Kalmücken, Reste des im Januar bei den Kämpfen im Generalgouvernement aufgeriebenen Kalmückischen Kavalleriekorps. Es waren buddhistische Mongolen. Die rund 134 000 Mann starke Volksgruppe hatte ursprünglich 5 000 Mann für dieses Korps gestellt – wesentlich mehr als in der sowjetkalmückischen Kavalleriedivision kämpften. Die großen Werbe- und Motivierungserfolge waren weitgehend das Verdienst des später gefallenen „Vaters der Kalmücken“, des Sonderführers Dr. Doll, eines früheren österreichischen Offiziers. Stalins Rache an den Kalmücken war furchtbar: er ließ das gesamte Volk deportieren.

General Krasnow, Altemigrant und bekannter Schriftsteller der Zwischenkriegszeit („Vom Zarenadler zur roten Fahne“), war sozusagen der Chefideologe für die Kosaken des XV. Kosaken-Kavalleriekorps. Er bestand darauf, daß die Kosaken-Verbände einen Teil der deutschen Wehrmacht bildeten und konnte sich auf dieser Basis mit Wlassow, der auf russischer Eigenständigkeit mit Verbündetenstatus bestand, nicht verständigen. In Konkurrenz zu Krasnows „Hauptverwaltung der Kosakenheere“ entstand deshalb bei Wlassows Komitee KONR eine andere Verwaltung der Kosakenheere. Schließlich kam es unmittelbar vor Kriegsende doch noch, entsprechend dem Mehrheitswillen der Kosaken, zur Unterstellung des XV. Kosaken-Kavalleriekorps, dessen Überführung in die Waffen-SS aus Gründen besserer Ausrüstung und Bewaffnung papiermäßig im Gange war, unter Wlassows ROA. General von Pannwitz, in einer einzigartigen Demonstration des Vertrauens seiner Kosaken am 13.3.1945 zum Feldataman aller Kosakenheere gewählt (eine Stellung, die bis 1918 der Zarewitsch innehatte) stimmte zu. Die ROA-Stärke hatte sich damit rechnerisch annähernd verdoppelt. Kurz vorher waren auch die selbständigen Kosakenverbände unter Turkul, Semenew und Domanow, die nie zum XV. Korps gehört hatten, zur ROA gestoßen.
Die Engländer lieferten in einer der schmachvollsten Aktionen ihrer Geschichte 35 000 Männer, Frauen und Kinder der Kosakenverbände in Kärnten und Osttirol an die Sowjets aus. Viele begingen vorher Selbstmord. 134 Opfer liegen auf dem Kosakenfriedhof von Lienz begraben. So, wie uns Geschichte heute präsentiert wird, paßt es gut, daß in einem James-Bond-Film der Begriff „Linzer Kosak“ (gemeint ist natürlich nicht Linz an der Donau, sondern Lienz in Osttirol) so etwa mit dem Begriff eines verbrecherischen Verräters gleichgesetzt wird.

General von Pannwitz hatte sich geweigert, mit dem übrigen deutschen Rahmenpersonal seine Kosaken zu verlassen. Als die Engländer von den gefangenen Kosaken verlangten, einen neuen Feldataman zu wählen, wählten sie wiederum Pannwitz. Er wurde 1946 zusammen mit den höchsten Führern der Kosaken und der kaukasischen Volksgruppe in Moskau gehängt. In den neunziger Jahren soll er als Stalinismus-Opfer von russischer Seite rehabilitiert worden sein.

8. Die Ukrainer

Über die Anfänge der Zusammenarbeit der Abwehr mit ukrainischen Nationalisten wurde schon berichtet. Zur Klärung unterschiedlicher Bewußtseinsstände und Verhaltensweisen ein kurzer geographischer und geschichtlicher Hinweis. Es sind drei Gebiete mit unterschiedlicher Geschichte zu betrachten, die erst sei 1945 wieder gemeinsam die Ukraine bilden:

Die Westukraine oder Galizien wurde nach den polnischen Teilungen österreichisch, 1919 polnisch, 1939 sowjetisch und 1941 – ein schwerer politischer Fehler – ins Generalgouvernement eingegliedert.

Wolhynien, östlich anschließend, bis 1917 russisch, kam 1920 zu Polen und fiel 1939 an die Sowjetunion. Die altrussische Sowjetukraine, die 1918-1920 zusammen mit Wolhynien den selbständigen Staat Ukraine gebildet hatte.

Ein ukrainisches Nationalgefühl war stark nur in Galizien entwickelt, auch wegen des Gegensatzes zum zahlreichen polnischen Minderheitenvolk. Hier, in der Westukraine, hatten auch die ukrainischen Unabhängigkeitsbestrebungen ihren Ursprung. Nachwirkungen der unterschiedlichen Mentalitäten beobachten wir noch heute in der Ukraine.

Die eingangs des Vortrags erwähnten Bataillone Roland und Nachtigall wurden 1941 ein halbes Jahr zur Partisanenbekämpfung in Weißrußland eingesetzt und dann aufgelöst. Bescheidene Anfänge einer Selbstverwaltung wurden zerschlagen; der berüchtigte Reichskommissar Koch in der Ostukraine stieß alle Gutwilligen vor den Kopf. Es entstanden nur etwa sechs Hilfspolizei-Bataillone, genannt Schutzmannschaften („Schuma“) in der Westukraine und 70 Bataillone mit etwa 35 000 Mann in der Ostukraine.

Ukrainische Freiwillige in der deutschen Wehrmacht hingegen waren in einer Stärke von bis 250 000 Mann vertreten. Sie trugen mit dem gleichen Propagandatrick wie wir ihn aus den Anfangszeiten der ROA kennen, einen Armschild mit den kyrillischen Buchstaben UWW (YBB) mit der Bedeutung Ukrainisches Befreiungsheer, ohne daß es eine solche geschlossene Organisation gegeben hätte.

Im ukrainischen Untergrund hatte sich im Oktober 1941 die Ukrainische Aufstandsarmee, UPA, gebildet, eine antikommunistische Partisanenarmee, die gegen Sowjets, Deutsche, Polen und ukrainische Nationalisten anderer Fraktionen kämpfte. Zwischen dieser UPA und Einheiten der deutschen UWW wechselte Personal öfter hin und her.

Schüchterne Anfänge einer politischen Revision der deutschen Politik gab es 1942/43 mit einem Ukrainischen Hauptausschuß, der aber nur auf dem westukrainischen Gebiet des Generalgouvernements agierte. Entscheidende Besserung trat erst ein, als Otto von Wächter, Sohn des letzten k.u.k. Statthalters von Galizien, Gouverneur von Galizien wurde. Er brachte die österreichische Geschmeidigkeit im Umgang mit fremdem Volkstum mit. 1943 schlug er die Bildung einer Waffen-SS-Division aus westukrainischen Freiwilligen vor. 80 000 Mann meldeten sich, weniger als 20 000 wurden angenommen.

Aus Überzähligen wurden noch fünf SS-Polizei-Freiwilligenregimenter gebildet. Die ukrainischen Nationalisten waren gegen beide Formationen, ließen aber Teile ihrer Anhänger zwecks moderner Waffenausbildung eintreten. Die Division wurde schließlich zur 14. Waffen-Grenadier-Division der SS (galizische Nr. 1). Der Begriff „ukrainisch“ sollte bewußt vermieden werden.

Seit Juni 1944 stand die Division mit über 15 000 Mann im Fronteinsatz. Am 19./20.7.1944 kam sie in den Kessel von Brody und wurde trotz tapferer Gegenwehr fast vollständig aufgerieben. 3 000 Mann entkamen zu den deutschen Linien, 1000 schlugen sich zu den nationalistischen Partisanen der UPA durch. Die 3 000, dazu 8 000 aus den galizischen Polizeiregimentern bildeten den Stamm für den Wiederaufbau der Division. Strukturschwächen blieben: kaum höhere ukrainische Offiziere, ein verständnisloser deutscher Kommandeur und oft ungeeignetes deutsches Rahmenpersonal. Trotzdem war der Zusammenhalt der ukrainischen Soldaten unter einander gut, die Überläuferrate blieb mit 3% niedrig. Teile der Division wurden gegen den slowakischen Aufstand und später gegen Titopartisanen in Slowenien eingesetzt.

Inzwischen war die Ukraine längst geräumt. Erst jetzt begann eigentlich eine echte politische Zusammenarbeit mit der politischen Ukrainerorganisation OUN. Ein Ukrainisches Nationalkomitee unter General Shandruk entstand. Der Versuch, Wlassow und Shandruk zusammenzubringen, scheiterte im Januar 1945. Im März 1945 wurde das Ukrainische Nationalkomitee als offizielle Vertretung der Ukraine anerkannt. Die 14. Waffen-Grenadier-Division der SS, seit November 1944 nicht mehr galizische, sondern ukrainische genannt, wurde Shandruk unterstellt, in 1. Division der Ukrainischen Nationalarmee umbenannt und auf die ukrainische Nation vereidigt. Eine 2. ukrainische Division war in Aufstellung, als sie im Protektorat in Kämpfe mit der Roten Armee geriet und 60% Verluste erlitt.

Shandruks Nationalarmee haben – eine Parallele zu Wlassows ROA – nur 35 000 – 38 000 Mann der 250 000 ukrainischen Freiwilligen unterstanden. Der Rest, der auch das propagandistisch wirksame Abzeichen „Ukrainisches Befreiungsheer“ trug, war in ganz Europa verstreut.

In einem Punkt hatte die 1.Division der Ukrainischen Nationalarmee Glück: weil sie einmal „galizische Nr. 1“ geheißen hatte, betrachteten die Engländer sie als polnischen Verband und lieferten die Soldaten nicht an die Sowjets aus. Seltsamerweise galt das auch für die 2. Division, die nicht diesen Vorlauf hatte; angeblich nahm man hier, anders als sonst, Rücksicht auf den hohen Anteil Altemigranten unter dem Offizierkorps. Die ukrainischen Nationalisten kämpften im Untergrund bis 1950. Der Kommandeur der UPA, ehemals Leutnant im deutschen Bataillon Nachtigall, fiel am 5.3.1950. 1959 ließ der sowjetische Geheimdienst Stepan Bandera, einen der beiden Führer der gespaltenen OUN seit den dreißiger Jahren, in München durch ein spektakuläres Giftattentat ermorden.

9. Weißrußland (Weißruthenien)

In vieler Hinsicht war Weißrußland, auch Weißruthenien genannt, ein Sonderfall. Das Bewußtsein eigenständiger Identität war, wie auch im heutigen Staat Weißrußland zu sehen, wenig ausgeprägt. Der deutsche Reichskommissar in Minsk, Kube, ging so geschickt auf die wenigen Ansätze eigenen Bewußtseins ein und gestand den Landeseinwohnern so viel eigenständige Führung zu, daß die Sowjets ihn bald ermorden ließen. Sein Nachfolger, von Gottberg, führte aber Kubes Linie weiter.

Im Juli 1942 entstand das Weißruthenische Verteidigungskorps BKA mit sechs Bataillonen. Die SS stellte daneben etwa zehn Schutzmannschafts-Bataillone auf. Beide Organisationen bewährten sich im Antipartisaneneinsatz.

Ein landeseigener Vertrauensrat wurde geschaffen; eine Jugendbewegung in enger Anlehnung an die HJ war sehr erfolgreich. Aus ihren Reihen kamen um die 20 000 Jugendliche als Helfer für Waffen-SS, Luftwaffe und Marine freiwillig ins Reich.

Später wurde ein Weißruthenischer Zentralrat unter Führung eines Altemigranten eingerichtet. Dieser Rat mobilisierte im März 1944 14 Jahrgänge für die Weißruthenische Heimwehr. Etwa 30 000 Mann wurden in 60 Bataillone gegliedert.

Als die Front näher kam, wurden einige Schutzmannschafts-Bataillone und Gebietskommandanturen zu einer Brigade zusammengefaßt, die nach ihrem Kommandeur „Brigade Siegling“ genannt wurde. Diese wurde am 1.8.1944 zur Waffen-SS überstellt und hieß dann 30. Waffen-Grenadier-Division der SS mit dem unverständlichen Zusatz „russische Nr. 2“. Die „russische Nr. 1“ hätte die RONA-Brigade Kaminski werden sollen, aber wieso jetzt ausgerechnet die Bezeichnung russisch gewählt wurde, wo man sich doch so um das weißruthenische Nationalbewußtsein bemüht hatte, bleibt unerklärlich. Die Division wurde nun nicht etwa gegen die Sowjets eingesetzt, sondern im Elsaß, wo sie sich nach dem Zeugnis eines französischen Historikers trotz unzureichender Ausrüstung tapfer schlug und sogar Geländegewinne erzielte.

Im Dezember 1944 aus der Front gezogen, wurden die Soldaten zur ROA überstellt und in die 1. Division eingegliedert. Soweit also in einigen Quellen 1945 im Protektorat eine Division „Belarus“ auftaucht, müssen damit diese Teile gemeint sein, die vielleicht noch die ursprünglichen, auf Weißrußland hinweisenden Uniformkennzeichen getragen haben. Die weißrussische politische Organisation lehnte den Anschluß an Wlassows Komitee weiterhin ab und forderte die Anerkennung des Rechts auf einen eigenen Staat. Das Schicksal der Weißruthenen nach Kriegsende unterschied sich nicht von dem der Russen.

10. Die Ostlegionen

Unter dem Begriff „Ostlegionen“ verstand man Verbände aus nichtrussischen Minderheitenvölkern (im Gegensatz zu dem Begriff „Osttruppen“, der für alle aus dem Gebiet der Sowjetunion stammenden Freiwilligen galt).

Von der Herkunft der Masse der Freiwilligen der Ostlegionen hat sich der unpräzise Begriff „Orientvölker“ eingebürgert. Gemeint sind die nichtrussischen und nichtslawischen Völkerstämme von der Krim über den Kaukasus bis nach Mittelasien. Viele dieser damals insgesamt rund 22 Millionen Menschen sind vom Islam geprägt, was wiederum zu der falsch verallgemeinernden Bezeichnung „Turkvölker“ führt, die aber zB. auf Georgier und Armenier nicht zutrifft.

Die echten Turkstämme waren in den Augen deutscher Ideologen ebenso privilegiert wie die Kosaken.

Im November 1941 entstand das erste turkestanische Regiment im Rückwärtigen Heeresgebiet Süd. Das turkestanische Infanteriebataillon 450 stand 1942 im Partisaneneinsatz.

Professor Oberländer, dem wir schon bei den Ukrainern begegneten, stellte innerhalb der Abwehr das Bataillon Bergmann auf mit drei georgischen, je einer aserbaidschanischen und nordkaukasischen Kompanie sowie einem armenischen Zug. Politisch sollten diese Freiwilligen später die Selbstverwaltung im Kaukasus aufbauen. Oberländer nahm Freiheits- und Autonomiewillen seiner Männer ernst und vereidigte sie nicht auf Hitler, sondern auf die Wehrmacht. Der Verband Bergmann hatte bis Ende 1942 rund 3 000 Mann und wurde in drei Bataillone umgegliedert. Das I. und das III. Bataillon wurden wegen besonderer Tapferkeit bei der Verteidigung der Krim im November 1943 im Wehrmachtbericht erwähnt. Dann kam wieder so eine unglückliche Verlegung an fremde Fronten gegenüber dem ideologisch falschen Feind: zwei Bataillone nach Griechenland, das dritte nach Warschau zur Bekämpfung des dortigen Aufstandes.

Inzwischen waren im Generalgouvernement und der Ukraine aufgestellt worden:

Eine Kaukasisch-Mohammedanische Legion (später als Aserbaidschanische bezeichnet), eine Georgische, eine Armenische und eine Wolgatatarische Legion. Sie wurden der 162. ID, die auch als Turk-Division bezeichnet wurde, zugeordnet. Bis Mai 1943 standen 25 Feldbataillone, zwei verstärkte Halbbataillone, sieben Bau-Bataillone und drei Ersatzbataillone.

Auf der Krim stellten sich aus einer Bevölkerung von 300 000 Krimtataren (auch Krimtürken genannt) 20 000 Freiwillige zur Verfügung – ein einzigartiges Vertrauensvotum.

Parallel zum Aufbau der Truppen bildeten sich auch hier Nationalkomitees. Bis 1944 entstanden der Kampfbund der Türktataren oder Wolgatataren „Idel-Ural“, der Armenische Verbindungsstab, der Aserbaidschanische Verbindungsstab, der Georgische Verbindungsstab, der Nordkaukasische Nationalausschuß, das Krimtatarische Zentrum und das Nationalturkestanische Einheitskomitee. Dessen Präsident, Veli Kajum-Chan, war eine Art primus inter pares. Die Turkestaner allein stellten über 180 000 Freiwillige.

Kampfgeist und Einsatzbereitschaft der Ostlegionen waren sehr unterschiedlich. Viel hing von der individuellen Fähigkeit oder Unfähigkeit deutscher Führer ab. Ein georgischer Truppenteil an der Ostfront desertierte z.B. geschlossen, nachdem auf Befehl deutscher Vorgesetzter ein Georgier als Disziplinarstrafmaßnahme 24 Stunden an das Rad eines Geschützes gebunden worden war. Die erwähnte 162. ID (Turk-Division), die zu etwa 50% aus Turklegionären bestand, erfüllte bei Einsätzen in Dalmatien und Italien nicht die Erwartungen. Kein Wunder an dieser Front!

Wie die Osttruppen, waren auch die Ostlegionen ab Herbst 1943 in den Westen verlegt worden. Die Georgier z.B. waren bataillonsweise von Holland über die französische Atlantikküste bis Italien verstreut. Nach Beginn der alliierten Invasion waren alle Verhaltensweisen zu beobachten von der hervorragenden Verteidigung bei Cherbourg bis zu völligem Zerfall der Einheiten und zur Desertion. Insgesamt blieben aber Meutereien und Aufstände gegen das deutsche Rahmenpersonal eher selten. Eine Einheit aus Kasachen und Tadschiken brachte beim Überlaufen zu den Partisanen in Albanien sechs abgeschnittene Ohren vom deutschen Stammpersonal mit. Die schlimmste Ausschreitung war der Aufstand des georgischen Bataillons 822 auf der Insel Texel. Er kostete 117 Holländer, 565 Georgier und 800 Deutsche das Leben.

Neben dem Heer hatte sich ab Ende 1943 auch die Waffen-SS für turkvölkische Verbände interessiert. Major Mayer-Mader, der das erste Turk-Bataillon des Heeres aufgestellt hatte, wurde mit seinem Bataillon 1944 in die Waffen-SS übernommen. Er sollte eine Division aus Turkestanern, Aserbaidschanern und Tataren aufstellen und im Lufttransport nach Mittelasien schaffen. Das Stammpersonal meuterte, Mayer-Mader starb unter ungeklärten Umständen.

Im Mai 1944 befahl Himmler die Aufstellung einer Division, für die der Name „Neu-Turkestan“ vorgesehen war. Es kam dann stattdessen nur zur Aufstellung des Osttürkischen Waffenverbandes der SS aus vier Regimentern unter Offizieren aus den Orientvölkern. Kommandeur war der deutsche Oberst, der ursprünglich den gut bayerischen Namen Hintersatz hatte, aber während seines Dienstes bei den Türken im Ersten Weltkrieg mit seiner Familie zum Islam übergetreten war und nun Harun-el-Raschid Bey hieß. Sein gleichnamiger Sohn war übrigens in den sechziger Jahren Hauptmann im BGS; man kann sich die Reaktionen vorstellen, wenn er sich mit Dienstgrad und Namen am Telefon bei einem unbekannten Partner meldete! Der Osttürkische Waffenverband wurde im Dezember 1944 in der Slowakei eingesetzt. Ein Regimentskommandeur desertierte mit 400-500 Mann zu den Partisanen, aber 200 Mann kehrten wieder auf die deutsche Seite zurück.

Eine tatarische Waffen-Gebirgs-Brigade und ein kaukasischer Waffenverband kamen über das Torso-Stadium nicht hinaus.

Alle Vertreter der Orientvölker mit Ausnahme der Kalmücken lehnten die Unterstellung unter Wlassow ab. Sie wollten sich von Moskau trennen, wie ihre Vertreter sofort nach Wlassows Prager Manifest im November 1944 erklärten. Spät kam die nationale Anerkennung durch die Deutschen: Ende März 1945 wurden die Nationalkomitees zu Nationalregierungen im Exil, ihre Legionen zu Nationalarmeen aufgewertet. Der Preis war hoch gewesen: um 67 000 Turkestaner und 50 000 Kaukasier sollen auf unserer Seite gefallen sein.

Das Schicksal der Auslieferung traf den gesamten Rest der Ostlegionen, darunter fast 100 000 Turkestaner. Stalins Rache traf ganze Völker: wie den Krimtataren, die aus der Heimat vertrieben und dezimiert wurden, erging es auch den Kalmücken, Karatschaiern, Inguschen und last not least den Tschetschenen – ein sehr aktueller Bezug.

11. Schlußfolgerungen

Können wir berechtigt von verpaßten Chancen reden? Ja sicher! Frühzeitig, an der richtigen Front, unter den richtigen, möglichst weitgehend landeseigenen, Führern, hätte ein großes Gewicht in die Waagschale des Krieges geworfen werden können.

Nachwirkungen haben die Freiheitsbewegungen von damals zweifellos in den Unabhängigkeitsbewegungen und Nationalitätenkämpfen auf dem Boden der aufgelösten Sowjetunion.