Studieren anstatt Zwangsarbeit - Die Wehrmacht und ihre polnischen Kriegsgefangenen 39-45

Veröffentlicht: Samstag, 28. Oktober 2017 Drucken E-Mail

ERSTENS:

Für gefangene polnische Offiziere der Wehrmacht galt: Studieren anstatt Zwangsarbeit

Dipl. Geogr. Heinrich Sporon – Das Schicksal polnischer Offiziere während des Krieges in Deutschland

Im Jahre 1950 arbeitete ich als junger Lehrer im Gymnasium in Kattowitz. Direktor dieses Gymnasiums war ein erfahrener Pädagoge, Herr Wladyniak. Eines Tages, bei einem privaten Gespräch, erzählte er mir voller Freude: (…) „Ich habe heute meine Diplomarbeit aus der Schweiz, die ich während des Krieges geschrieben habe, erhalten.“ Überrascht fragte ich: „Waren Sie während des Krieges in der Schweiz?“ Er antwortet: „Wo denken Sie hin, ich habe sie in einem deutschen Oflag, indem sie uns, polnische Offiziere der Vorkriegsarmee den ganzen Krieg lang gefangen hielten, geschrieben. Zur körperlichen Arbeit durften wir nicht gezwungen werden, weil dies die Genfer Konvention verbat deshalb schulten wir uns.

 Im Kopf fand es keinen Platz, weil wir, als junge Absolventen der polnischen Schulen was ganz anderes über die deutschen Zwangslager gehört und gelesen haben. Man sagte damals deutsche Zwangslager und nicht Hitlerlager, damit verurteilte man das ganze deutsche Volk. Ich hatte aber gar keinen Grund dem Direktor nicht zu glauben, da er mir auch noch seine Diplomarbeit zeigte, die über handwerkliche Arbeiten in den Volksschulen handelte und mit dem Stempel des Int. Roten Kreuzes der Schweiz versehen war. Alle Diplom- und wissenschaftlichen Arbeiten aus den Offizierslagern, die vor Verlust geschützt werden sollten, wurden in die Schweiz gesendet. Nach diesem Gespräch hörte ich jahrelang nichts mehr darüber.

Erst wieder vor einigen Jahren trat ich auf eine sehr interessante Information, die ich mir erlaube ganz zu zitieren. Im Buch „Verheimlichte Dokumente“, Band 2, aus dem Jahr 1985, des Autors Dr. Bernard Steidle, auf der Seite 28, der Forschugsstelle Ingolstadt – Forschungsinstitut der gegenwärtigen Geschichte, steht: „In der Tat bestätigte das Dokumentationsabteil des Int. Rotes Kreuzes in Genf die Informationen polnischer Korrespondenten und stellte uns alle Dokumente die uns einen Einblick in das intellektuelle Leben der Offizierslager ermöglichte, zur Verfügung. Nach diesen Dokumenten besitzt jeder dieser 12 Offizierslager für polnische Gefangene in Deutschland eine Bibliothek mit 1150 bis 25.000 Bücher und die meisten noch eine Lager-Universität“

In den Akten des Int. Rotes Kreuzes über Oflag IIC Waldenburg steht: „In diesem Lager, wo 6000 polnische Offiziere in den Jahren 1942 bis 1945 gefangen waren, gab es eine Bibliothek die sich von 10.000 auf 23.000 Bücher erweiterte. Dort gab es auch eine Universität mit sechs Vorlösungsräumen und einen Forschungsraum- Dies ermöglichte den Gefangen verschiedene Studienrichtungen und Fremdsprachenkurse zu belegen.“

Der Oflag A-Murnau steht in den Genfer Akten des Int. Roten Kreuzes: „Bis zum Jahr 1945 waren dort ca. 4000 polnische Offiziere und eine Bibliothek mit 25.000 Büchern . Seine Universität bot viele verschiedenen Lesungen und funktionierte reibungslos. Das intellektuelle Leben war außergewöhnlich lebendig“

Über die Studienmöglichkeit in Oflag Dössel schrieb Dr. Schickel: „In diesem Lager hielt aktiv ein Kreis aus Juristen und Volkswirtschaftern Lesungen über das Recht, somit konnten die Gefangenen ihr Studium fortführen. Einer der führenden Referenten war Prof. Dr. Jan Wasilkowski, späterer Rektor der Warschauer Universität. (…) Zu dem Kreis der Referenten gehörten u.a. Major Dr. Jan Kaluski und Oberleutnant Mgr. Adam Rapacki, späterer Außenminister in PRL, der die Idee eines sozialistischen Polens seinen Kameraden in der Gefangenschaft vorstellte. Außerdem fanden dort Gottesdienste staat und es wurden Zeitungen in polnischer Sprache herausgegeben.“

In der Chronik vom Murnau, unter einem Foto, auf dem man deutsche Offiziere, Wehrmachtbeamte und polnische Generäle sieht, steht: „Der größte Teil der Gefangenen gehört der polnischen Elite an.Unter ihnen sind viele Persönlichkeiten der Oberschicht:

Wissenschaftler, Künstler und viele Besitzer von Ländereien. Damit man die lange Gefangenschaft ertragen konnte, widmeten sie ihre Zeit dem Studium, Sprachkursen, dem Sport, organisierten Theateraufführungen und Konzerte.“

Quelle http://www.silesia-schlesien.com/index.php?option=com_content&view=article&id=293:heinrich-sporon-das-schicksal-polnischer-offiziere-waehrend-des-krieges-in-deutschland&catid=38:beitraege

ZWEITENS:

Zum Lager in Murnau noch diesen Bericht einer Zeitung: https://www.merkur.de/lokales/garmisch-partenkirchen/deutschland-1945-spektakulaere-lager-bilder-entdeckt-mm-2693344.html

Dazu die Bilder aus dem Lager und seiner "Befreiung":

Dann noch: https://www.merkur.de/lokales/garmisch-partenkirchen/verlorenen-bilder-sensationelle-aufnahmen-murnauer-gefangenenlager-2692757.html

Polnisches Offizierslager Murnau

Nachfolgende Zitatensammlung ist dem polnischen Buch von Stefan Majchrowski, "Za drutami Murnau" - "Hinter dem Stacheldraht in Murnau" -, MON (= Verlag des Verteidungsministeriums), Warschau 1970 entnommen.. Das Vorwort hat Jozef Kowalik geschrieben. Das Buch umfasst ..9 Seiten. Wir fanden diese Hinweise in "Beiträge zur Zeitgeschichte" von Dr. Alfred Schickel, Ingolstadt 1983.

Delegierte des Internationalen Roten Kreuzes aus Genf hatten nicht nur diese Kriegsgefangenenlager vielfach besucht, sondern auch für die Zulieferung von Hilfsgütern und Fachliteratur gesorgt. So vermerkt z.B. ein solcher Rot-Kreuzbericht über das "Oflag II C" (Woldenburg), daß den dortigen fast 6.000 polnischen Offizieren 23.000 Bücher, Vorlesungs- und Studienräume zur Verfügung standen, Fremdsprachen- und andere Fachkurse abgehalten wurden, die Bibliothek im "Oflag VII A" (Murnau) bei etwa 4.000 polnischen Offizieren 25.000 Bände besaß.

.... Gleiches gilt für das Offizierslager VI in Dössel.

"Das Lager in Murnau, von dem die Deutschen sagten, dies sei ein Musterlager, umfasste die Fläche von 77ha, auf der 5.000 polnische Offiziere, darunter zahlreiche Generäle, leben und sich bewegen mußten. Jedem Offizier stand hier eine Wohnfläche von ca. 2 Quadratmetern zur Verfügung. In den Blocks, in Kellerrräumen, im Dachgeschoß und in den Garagen standen 2-3 treppenhohe Betten.

Trotzdem arbeiteten hier die Offiziere emsig, teilnehmend an verschiedenen Kursen, darunter an Kursen Hochschulebene. Mit der Zeit organisierte man ein Theater und Orchester. Aber nicht nur das. Man organisierte auch Hilfe für die Insassen in den KZ-Lagern.... (Seite 6-7)

Der Großteil der Offiziere kam aus der Gegend von Kozk, wo sie unter General Kleeberg bis zum 2. Oktober 1939 kämpften, aus dem belagerten Warschau und von der Schlacht am Fluß Bzura ..... (Seite 15)

Man wohnt hier zu 6-8 Personen in einem Raum. Auch ein Kasino ist vorhanden. Gegenüber befindet sich das von polnischen Ärzten betreute Krankenrevier... (Seite ..)

Das Krankenrevier befand sich unter der Aufsicht eines deutschen Arztes, der seine Kranken mit der Kneipp-Methode zu heilen pflegte. Praktisch sorgten für die erkrankten polnischen Offiziere die polnischen Ärzte Wysocki, Lenart und Dabrowski. Das Revier war ständig belegt, es war knapp mit Heilmitteln, aber es gab in Murnau keine Epedemie .......(Seite 27)

... An seine Stelle trat dann Oberst Jozef Korycki, der mit der deutschen Kommandantur im ständigen Kontakt stand. Oft beschwerte er sich über die schlechte Versorgung mit Lebensmitteln, aber es waren dies meist erfolglose Beschwerde. Von der Lagerverpflegung sagte man im Lager, es sei zu viel davon, ..... (Seite 32)

Wie ein Lauffeuer verbreitete sich eines Tages im Lager das Gerücht: In der Kantine ist ein mit Torten vollbeladener Wagen eingetroffen.

Und siehe da: Hunderte von Schachteln mit Torten wurden den Offizieren angeboten, die natürlich im Nu alles kauften. Und das wiederholte sich jeden Freitag bis zu dem Augenblick, wo der Tortenwagen nicht mehr im Lager erschien.... (Seite 34)

Eines Tages erschien im Lager ein Deutscher General in Uniform, um seinen Sohn, den polnischen Major Trenkwald zu besuchen. Der polnische Major diente während des 1. Weltkriegs in Krakau un einem österreichischen Kavallerieregiment. Nach dem Zerfall der Donaumonarchie meldete sich Major Trenkwald in polnische Militärdienste. Er wurde in der Zwischenkriegszeit ein weltbekannter Reiter der polnischen Armee .... (Seite 42-43)

Im Lager wartete man mit Ungeduld auf die vielversprechenden Ereignisse des kommenden Frühlings und Sommers 1940. Inzwischen aber beschäftigte man sich mit spiritistischen Seancen und mit aus der Vorkriegszeit bekannten Prophezeihungen von Nostardamus und anderen Hellsehern ....

Allmählich machte man sich trotz des wartens auf gute Nachrichten an die Arbeit, d.h. an die Teilnahme an verschiedenen Kursen und Berufszirkeln. Man sammelte Bücher, die aus Polen in Paketen geschickt wurden oder auch durch die Kantine bestellt werden konnten. Bücher kamen auch aus der Schweiz, gesandt von dem Bureau d'Education und von dem Fond Europeen de Secours aux Etudiants. Darüber hinaus kamen ins Lager zum Vertrieb 13 verschiedene deutsche Tageszeitungen, 16 Wochenschriften und 10 Monatsschriften. Die Leitartikel von Goebbels im "Reich" wurden eifrig gelesen..... (Seite 57-58)

Ins Lager kamen aus dem Ausland immer mehr Lebensmittelpakete mit Kaffee, Kakao, Konservenbüchsen udn mit guten Zigaretten. Man feierte und sang patriotische Lieder anläßlich nationaler Feiertage. Der zum Rittmeister avancierte Diemert drohte das Singen mit Maschinengewehren zu beenden, aber man sang trotzdem weiter. In der Lagerkapelle las die Messen ein polnischer Geistlicher, der in Frankreich in Gefangenschaft geraten war .......

Zu Weihnachten 1940 wurden im Lager 13 Briefmarkenserien herausgegeben und tausende von Weihnachtskarten mit Glückwünschen. So begann die Lagerpost ihre Arbeit .... (Seite 73)

Die Gefangenen bildeten eine gut organisierte Gesellschaft und hatten eine eigenes "Savoir vivre", dabei sogar eine eigene Mode. Nachdem die polnischen Uniformen sich abgenutzt hatten, machte man sich an die Umänderung zuerst der von den deutschen zugeteilten französischen und später der in Paketen zugesandten englischen und amerikanischen Uniformen ......

Rings um das Lager bot sich eine herrliche Ausicht auf die Alpen an und auf einem der Wachtürme sonnte sich ein hübsches deutsches Mädchen, -- eine streng verbotene Frucht. Verhältnisse der Polen mit deutschen Frauen wurde mit dem Tode bestraft.

Es gab eine Zeit, wo man die Lagerinsassen unter strenger Bewachung in die Umgegend des Lagers zum Baden führte. Leider aber dauerte das nicht ..... und endete mit dem Augenblick, als manche Offiziere die einmalige Gelegenheit wahrnehmend, auszureißen versuchten, meistens übrigens ohne Erfolg. Im Lager gab es weder eine Rennbahn noch einen Sportplatz. Trotzdem hat man verschiedene Sportarten eifrig betrieben.

Man spielte sogar Fußball auf dem mit kleinen Steinchen bedeckten Appelplatz. (Seite 76-78)

So..... aus dem Ausland und auch aus Polen wertvolle Pakete kamen, gab es im Lager keinen Hunger. Man verzichtete sogar oft auf die deutsche Wassersuppe und ebenso auf die winzig kleinen Marmelade- und Blutwurstzuteilungen. Aber begehrt war ständig das sogenannte Fett, das zum kochen gut diente. Im Lager sind wie Pilze aus dem Boden Verkaufstische geschossen, wo Lebensmittel, Schuhe, Uniformen, Seife, Kaffee usw. feilgeboten wurden. Man konnte auch Fett-Kochmaschinen kaufen. Die mit bewundernswertem Einfall konstruierte Kochmaschine nannte man "Spitfire". Mit der Zeit sind die Privat-Läden zugunsten einer Handelsgenossenschaft liquidiert worden. Die Einnahmen wurden für die Hilfe an verwandte und nichtverwandte KZ-Häftlinge bestimmt.

Im Lager wurde zu diesem Zweck ein Sonderfonds geschaffen. Mit 1941 verbot die deutsche Kommandantur, Geld in die KZ-Lager zu überweisen. Man wußte sich jedoch zu helfen: Geldüberweisungen nahmen kranke Offiziere mit sich, die sich ins Städtische Krankenhaus begaben. Die deutschen kamen jedoch auf die Spur dieser Praktiken, da es ihnen aufgefallen ist, daß von dem kleinen Postamt in Freising verdächtig viele Geldüberweisungen aufgenommen wurden. Nachdem auf einen Brief an ein KZ-Lager die positive Antwort auf Anfrage gekommen war, ob Häftlinge Geldüberweisungen erhalten dürfen, hat sich die deutsche Kommandantur entschlossen, das Verbot aufzuheben... (Seite 79-87)

Murnau war ein Miniatur-Staat, in dem Handel betrieben wurde, wo man Waren von außerhalb des Lagers importierte und dorthin aus dem Lager exportierte, wo zahlreiche Unternehmen sich mit Herstellung von verschiedensten gewöhnlichen und luxuriösen Artikeln beschäftigten.......

Jede, auch die kleinste Bodenfläche wurde für Anbau von Gemüse ausgenutzt. Insgesamt nahmen die Gemüsegarten eine Fläche von 12.000 Quadratmetern ein. Knoblauch, Tomaten, Kohl und Zwiebeln gediehen herrlich. Man hat schließlich sogar eine kleine Geflügelfarm

organisiert. Von den Deutschen für Kaffee gekaufte Eier kamen in einen Inkubator, und so liefen nach ein paar Wochen Hühner umher. Die Kommandantur untersagte jedoch die Hühnerzucht und man mußte alle Hühner abschlachten..... (Seite 88-89)

Nun wartete man gespannt, was das Jahr 1941 bringen werde. Viele Lager-Strategen waren überzeugt daß Hitler die Sowjetunion angreifen wird. Unterdesen arbeitete man fleißig, lernte Fremdsprachen und nahm an verschiedenen Kursen teil. Für Unterhaltung sorgte u.a. das Lagertheater mit seinen Revuen und Dramen .... (Seite 98-99)

Das Lagertheater begann im Herbst 1940 seine Tätigkeit mit einer Revue unter dem Titel "Ein Traum". Bis Anfang 1945 zählte man insgesamt über 50 Erstaufführungen und mehr als 700 Vorstellungen. Die letzten auf der Lagerbühne gespielten Stücke waren das Drama "Judas von Karol Roztworowski" und "Figaros Hochzeit". Die Damenrollen wurden mit Erfolg von Offizieren gespielt. Nach dem Warschauer Aufstand kam der bekannte polnische Schauspieler Leon Schiller nach Murnau. Er war erstaunt über die Errungenschaften des Theaters in Murnau. Das Lagerorchester zählte 70 Musiker, der Chor über 60 Sänger. Das Orchester stand unter der Leitung von Leszek Rezler. Es wurden in Murnau insgesamt 53 Konzerte gegeben. Gespielt wurden u.a. Bach, Czajkowski, Rossini, Smetana und Schubert ... (Seite 103-112)

Unter den Lagerinsassen bildeten die Lehrer die aktivste Berufsgruppe es wurde ein pädagogisches wissenschaftliches Institut ins Leben gerufen, und man organisierte für die Lehrerschaft Fortbildungskurse auf Hochschulniveau. Rege Tätigkeit entwickelten solche berufliche Zirkel wie die der Landwirte, der Ingenieure, der Förster, der Gärtner, der Architekten, der Chemiker, Elektriker, der Ökonomisten usw. Von Zeit zu Zeit fanden im Lager Kunstausstellungen statt. Zahlreiche Hörer hatte der zweijährige Kurs der Kunstgeschichte aufzuweisen. Der bekannte polnische Astronom Prof. Wlodzimierz Zonn

hielt Vorlesungen über die Astronomie. Die Berufsoffiziere studierten Jura, Philosophie, Technik. In Murnau entstanden zahlreiche wissenschaftliche Arbeiten, zahlreiche Offiziere schrieben hier ihre Doktorarbeiten. Zu dem von YMCA organisierten Wettbewerb wurden aus

Murnau 46 Arbeiten zugesandt. Drei erste Preise für das Projekt einer Familienwohnung in den durch den Krieg zerstörten Ländern erhielten Architekten aus Murnau. Für den besten Plan eines Agrarzentrums wurde den Murnauer Architekten der erste Preis zuerkannt. Zahlreiche Auszeichnungen erhielten auch Autoren von Arbeiten aus den Bereichen der Literatur, der Pädagogik und Psychologie.

Im Jahre 1942 fand im Lager eine sehr interessante Agrarausstellung statt. Während der Austellung wurden Vorlesungen über Viehzucht, Bewirtschaftung von Teichen u.ä. gehalten. Die Lagerbibliothek verfügte über ca. 25.000 Bücher. Darüber hinaus besaß jeder Offizier zahlreiche eigene Bücher .... (Seite 1..-126)

Wie in einer großen Hochschule beeilten sich "Studenten" mit Notizbüchern in den Händen zu Vorlesungen, also zu den zwei Sälen unter dem sog. Zwiebelturm, zum Theatersaal, in die Korridore in einzelnen Wohnblöcken, in die Garagen, in die Sporthalle und sogar in manche Kellerräume. Alle trugen ihre Hocker ....

Eines Tages ist in Murnau die Ehefrau des erkrankten Generals Gasiorowski angekommen, und man erlaubte ihr, ihren Mann im Krankenrevier zu besuchen. Als sie aus dem Fenster hinausblickte und die Offiziere mit ihren Hockern in den Händen im Laufschritt sah, fragte sie ihren Mann erstaunt: 'Um Gottes willen, wohin den beeilen sich die Leute?' Ja, Frau Gasiorowski kam hierher aus einer anderen Welt .... (Seite 127)

Der Unterstützungsfond für Witwen und Waisenkinder sammelte 1943 insgesamt fast 300.000 RM. Die Sterbefälle häuften sich im Lager ......

Ein zweiter Unterstützungsfond, bestimmt für die KZ-Häftlinge, betreute mit Geldsendungen ca. 2.000 Häftlinge, u.a. in den KZ-Lagern Ravensbrück, Oranienburg, Dachau, Mauthausen, Gusen, Groß-Rosen, Auschwitz und Lublin-Majdanek. Insgesamt wurden den Häftlingen ca. 250.000 RM zugesandt. Diese genauen Angaben sind der Lagerchronik zu entnehmen, die bis Kriegsende von den Offizieren Bohdan Bocianowski, Bohdan Urbanowica und Kazimierz Golde geschrieben wurde. Nach dem krieg wurde diese Lagerchronik dem Schweizer Roten Kreuz übergeben....(Seite 130-131)

Offiziere, die ins Krankenhaus nach München fuhren, brachten ins Lager nach der Rückkehr Nachrichten mit sich, die sie in den Gesprächen mit den im Zug mitfahrenden Deutschen erfuhren, und beobachteten aufmerksam alles, was in München selbst vor allem an Zerstörungen durch Bomben zu sehen war .....

Die weiteste Reise machte Oberleutnant Pfaffenhofen-Chledowski, der zum Begräbnis seines Onkels, eines deutschen Generals, bis an den Rhein gelangte........

Es mehrten sich Fluchtversuche aus dem Murnauer Lager. Oberleutnant Baumgarten versuchte dreimal vergeblich zu fliehen und wurde schließlich in das Lager in Dössel versetzt. Von hier aus unternahm er seinen vierten Fluchtversuch und gelangte bis nach Warschau, wo er in der Untergrundarmee kämpfte. Durch unterirdische Kanäle gelangten 14 Offiziere aus Murnau in die Freiheit, wurden aber alle in ein paar Tagen festgenommen. Es war fast aussichtslos, Fluchtversuche aus dem Murnauer Lager zu wagen..... (Seite 137)

Erst in den letzten zwei Kriegsjahren verfügte das Lager über eigene geheime Rundfunkempfänger. Den ersten montierte man aus den von einem deutschen Unteroffizier für Kaffee und Zigaretten gekauften Teilen.

Den zweiten kauften polnische Soldaten, die zur Arbeit in der Umgebung gingen. Auch der Dritte Empfänger wurde auf diese Weise erworben. Der vierte kam aus Warschau in einem Lebensmittelpaket. Den fünften brachten nach dem Warschauer Aufstand von 1944 Offiziere der Untergrundarmee mit sich. Somit gab es schließlich im Lager insgesamt fünf Rundfunkempfänger. Keiner wurde von den Deutschen entdeckt.

Rundfunknachrichten wurden abends weitergegeben.... (Seite 142-145)

Es gab im Lager Fälle, wo Offiziere Selbstmord begingen. Die einen warfen sich zu diesem Zweck auf den Drahtverhau und wurden dabei erschossen, andere erhängten sich oder sprangen aus dem höher gelegenen Stockwerken.....

Eines Tages wurden auf Anordnung von höherer Stelle die etwa 100 jüdischen Offiziere abgesondert und mußten auf dem Dachboden im Block B Quartier beziehen. Das jüdische Lagerghetto wurde von allen polnischen Offizieren ohne Ausnahmen als Schande betrachtet und man verkehrte mit den jüdischen Kameraden trotz aller Verbote den ganzen Tag. Die Nachricht über den Aufstand der Juden im Warschauer Ghetto rief einerseits große Freude hervor, anderseits aber auch große Sorge um das Schicksal der Heldenhaften Aufständischen, die einen aussichtslosen Kampf kämpften....

An den Begräbnissen nahm stets eine Delegation der polnischen Offiziere teil. Die Gräber der im Krankenrevier verstorbenen Offiziere nahmen auf dem Gemeindefriedhof immer mehr Platz ein .... (Seite 146-152)

Die im Lager ins Leben gerufene Untergrundorganisation unter der Leitung von General Zygmunt Podhorski setzte sich u.a. zum Ziel, für die Sicherheit der Lagerinsassen im Ernstfall, also vor allem vor Kriegsende Sorge zu tragen. Man nahm Verbindung mit der Umgebung von Murnau arbeitenden Polen und mit Warschau sowie mit London auf. Die Abteilung Chiffren stand unter der Leitung von General Knoll-Kownacki.

Radionachrichten sammelte Hauptmann Franciszek Bornstaedt. Die ganze konspirative Arbeit stand unter der Leitung von General Rommel. Man hatte sogar einen Vertrauensmann bei der Gestapo in Murnau......

In der zweiten Jahreshälfte 1944 gab es im Lager wieder Hunger. Aus dem Ausland versiegte der Paketenstrom, und ab und zu kamen noch Pakete aus dem polnischen Städtchen Miechow. Für ein Brot mußte man nun hunderte Zigaretten zahlen. Im Lager gab es viele Katzen, die in wenigen Wochen verschwanden. Man hatte sie alle aufgegessen.....(Seite 161-165)

Nach dem Warschauer Aufstand sind in Murnau mehrere Hunderte Aufständische eingetroffen, darunter viele bekannte Persönlichkeiten.

Unter den Ankömmlingen befanden sich Kinder im Alter von 15-17 Jahren. Manche von ihnen waren verwundet. Sie alle wurden mit Uniformen und Lebensmitteln versorgt. Tag und Nacht hörte man im Lager den dramatischen Berichten der Aufständischen zu.... (Seite 166-169)

General Rommel hat sich mit Oberst Oster über das gegenseitige Verhalten im Ernstfall verständigt. Oberst Oster verpflichtete sich beim Ende der Kriegshandlungen, sämtliche Personalakten der Gefangenen der polnischen Kommandantur auszuhändigen und über jegliche eventuelle Gefahr seitens der Gestapo der polnischen Kommandantur zu berichten, die sich ihrerseits verpflichtete, dafür zu sorgen, daß die deutschen Wachmannschaften von den Amerikanern anständig behandelt werden.... (Seite 172-173)

Historische Tatsachen Nr. 49, 1991 - "Vergessene Dokumente", Seite 15-19

DRITTENS:

Wie grausam die barbarischen Deutschen liquidieren:

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Betr: Polnisches Offizierslager in Woldenburg/Warthegau

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Zusammengefasst ist also die Situation so, daß es sich 7000 gefangene polnische Offiziere, die bessere Verpflegung haben als jeder Deutsche, denn sie empfangen deutsche Offiziersverpflegung und Lebensmittel, es sich leisten können, unter Berufung auf die Genfer Konvention Arbeit, die von ihnen im deutschen Interesse verlangt wird, abzulehnen und so einen einzigen, von Deutschen geschützten und zum Nichtstun bewachten Oppositionsblock bilden können.

Ich gebe Ihnen von der Sachlage Kenntnis, da ich auch nach Rücksprache mit dem Herrn Gouverneur der Meinung bin, daß diese Dinge höheren Ortes bekannt werden müssen.

Ich glaube, es müssen sich Wege finden lassen, z.B. durch eine von der Genfer Konvention ja wohl nicht verbotene Entlassung der polnischen Offiziere, um einen derartigen Oppositionsblock, der bestimmt für Deutschland nicht mehr gewonnen werden kann, zu beseitigen.