WG: SZ vom 30.09.2017 "Integriert und vergessen"

Veröffentlicht: Freitag, 06. Oktober 2017 Drucken E-Mail

Ich bin Westdeutsche, hier geboren und aufgewachsen, Abitur und abgeschlossenes Studium und habe dieses Mal AfD gewählt. Es ist einfach lachhaft, dass die Systemmedien die AfD-Wähler stets als Abgehängte, Unterpriviligierte und von der Neiddebatte Geleitete abtun wollen. Alle AfD-Wähler, die ich kenne, gehören mindestens dem gehobenen, gebildeten Mittelstand an. Es gab wahrhaftig mehr als nur einen Grund, das Merkelsystem abzuwählen. Von der Migrantenflut, die rechtswidrig in dieses Land geschleust wurde, über den Bildungsmangel, die Altersarmut, die Benachteiligung der Familien, die katastrophale Versorgung Alter und Schwerkranker, Obdachlosigkeit von Deutschen (Fremde sind hier nicht obdachlos), Altersarmut, besonders von Frauen, Kinderarmut usw. usf. Leider ist die Abwahl nicht gelungen, was abzusehen war.

Da es wegen der undemokratischen 5%-Hürde nicht möglich ist, eine kleine Partei zu wählen, weil die kleinen Parteien chancenlos sind, wird man buchstäblich genötigt, eine Alternative zu suchen, die zumindest Aussichten hat, ins Parlament zu kommen.

Sollten nun auch Russlanddeutsche zu dieser Erkenntnis gekommen sein, dann zeigt dies lediglich, dass sie besser reflektieren können, als die Masse der Alteingesessenen, die seit 70 Jahren der Propaganda von Presse und Medien glauben. Wie sehr diese Meinungs-manipulation Erfolg hat, zeigt die professionelle Werbekampagne der FDP, Positiv begleitet und untesrtützt von sämtlichen Zeitungen und Sendern: Ein Mann und Null Aussage führen zu 10%. Der größte Nachteil der Demokratie liegt darin, dass die Dummen immer in der Mehrheit sind, was den Herrschenden den Machterhalt sichert.

 

Was nun die Russlanddeutschen betrifft, zu denen ich seit fast 30 Jahren einen intensiven Kontakt habe, so sind sie die bestintegrierte Zuwanderergruppe seit den Vertriebenen, was kein Wunder ist, da beide Gruppen Volkszugehörige sind, mit einem gleichen oder ähnlichen Weltbild, gleicher Kultur und Religion, einem gleichen Wertekanon mit den typischen Tugenden Fleiß, Ehrlichkeit, Pünktlichkeit, Ordnung, Zuverlässigkeit etc., wovon man bei den "NafrIs" nicht einmal träumen kann. Es zeugt von ihrer Lernfähigkeit, wenn sie den Altparteien den Rücken kehren.

Es zeugt aber auch von der einseitigen Hetze der Systempresse, wenn Artikel wie der genannte hier veröffentlicht werden. Wenn das schöne Deutschlandbild, das die Russlanddeutschen von unserem Land hatten, nicht mehr zutrifft und hier als "überkommen" abgewertet wird, dann liegt das doch daran, dass Politik und Medien dieses Land so verändert haben, dass es nicht mehr wiederzuerkennen ist. Und dagegen wehren sich nicht nur Russlanddeutsche und Sachsen oder Bildungsschwache und Abgehängte, sondern GOTTSEIDANK noch einige mehr.

Anna Schmidt

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http://www.sueddeutsche.de/politik/russlanddeutsche-und-die-wahl-integriert-und-vergessen-1.3689395?reduced=true

Innenpolitik, 30.09.2017

Russlanddeutsche: Integriert und vergessen

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Von Roland Preuss

Die Welt von Dimitri Korostylev existiert nicht mehr. Es war eine Welt der Dankbarkeit, Verbundenheit, Verlässlichkeit. Zumindest politisch. Es war der Kosmos des Augsburger Universitätsviertels, wo in Sichtweite der Hörsäle zahlreiche Wohnblöcke stehen, in denen viele Aussiedler leben. "Klein-Moskau", wie manche Augsburger sagen. Deutsche, die in Russland, Kasachstan oder Kirgistan, in Polen oder Rumänien geboren sind und meist in den 1980er- und 90er-Jahren nach Deutschland kamen. "Die haben alle CSU gewählt", sagt Korostylev. Bis zum Sonntag. Da hat die AfD hier 22 Prozent geholt und die CSU nur noch 30.

Der junge Jurist Korostylev ist im Ortsvorstand der CSU im Viertel und der Orts- und Kreisgruppenvorsitzende der Landsmannschaft der Deutschen aus Russland, die sich als Vertreterin der Aussiedler versteht. Er steht für die Beziehung, die Aussiedler und Christsoziale lange verband und die angesichts der Avancen eines Rivalen dabei ist, sich zu lösen. "Die Stimmungsmache der AfD hat bei einem Teil der Russlanddeutschen sehr gefruchtet", sagt Korostylev.

Der Erfolg der AfD bei der Bundestagswahl hat den Blick nach Ostdeutschland gelenkt, dort erzielte die rechtsnationale Partei ihre besten Ergebnisse, mit mehr als 20 Prozent in Sachsen, Thüringen und Brandenburg. Doch auch im Westen legte sie enorm zu, in mehreren Ländern ist sie drittstärkste Kraft, holte in Bayern und Baden-Württemberg mehr als zwölf Prozent - mit Ausschlägen nach oben in Wahlbezirken, in denen viele Aussiedler wohnen. Die Aussiedler sind immer noch die größte Zuwanderergruppe in Deutschland, allein unter den Menschen aus der ehemaligen Sowjetunion sind etwa 2,4 Millionen Wahlberechtigte. Ohne einen Blick auf ihren Frust und Ärger dürfte der AfD-Erfolg im Westen nicht zu verstehen sein. Denn im Westen hat sich die große Mehrheit der Russlanddeutschen niedergelassen.

Ergebnisse in Wahlbezirken, in denen viele Aussiedler leben, sind noch kein Beleg. Ist die AfD dort stark, so kann das viele Ursachen haben. Etwa, dass Russlanddeutsche in Gebieten wohnen, in denen Niedriglöhne oder Arbeitslosigkeit die Menschen für Protestparteien stimmen lassen. Und es gibt Gegenbeispiele wie Bremen: Viele Aussiedler, relativ schwache AfD. Doch es gibt auch zahlreiche Hinweise auf das Gegenteil: Starke AfD-Ergebnisse in Gegenden mit vielen Aussiedlern.

"Bei uns hat keiner ein Willkommens-Schild hochgehalten."

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Auch in den Wahlkreisen selbst sieht man diesen Zusammenhang, etwa im badischen Lahr. In der Kleinstadt am Rande des Schwarzwalds ist fast jeder vierte Aussiedler, ein Spitzenwert in Baden-Württemberg. Jahrelang gab es Probleme, inzwischen gilt die Integration der Russlanddeutschen alles in allem als Erfolgsgeschichte. Doch in einigen Vierteln hat die AfD die CDU als stärkste Kraft überholt, im einstigen Stammland der Union. Vereinzelt blieb die AfD unter zehn Prozent, in einer Reihe von Wahlbezirken aber erzielt sie mehr als 30, in der Spitze sind es gut 38 Prozent (siehe Grafik). "Die hohen Ergebnisse decken sich weitestgehend mit den Hauptwohngebieten der Aussiedler", sagt Lahrs Oberbürgermeister Wolfgang G. Müller (SPD). Die Menschen seien enttäuscht, vor allem von der Union, obwohl die meisten in wirtschaftlich gesicherten Verhältnissen lebten, sagt Müller. Viele Jahre lang dominierte die Dankbarkeit dafür, dass Helmut Kohl den Nachfahren der einst in den Osten übergesiedelten Auswanderer die Rückkehr nach Deutschland ermöglicht habe. Aussiedler wählten mit überwältigender Mehrheit CDU und CSU. Jetzt nicht mehr. Das habe viel mit der Flüchtlingskrise zu tun, mit dem Zustrom, der Angela Merkel übel genommen wird. "Es kommt eine neue Gruppe und es wächst die Sorge, dass die mehr bekommen als man selbst", sagt Müller. Einige, die aus muslimisch geprägten Staaten wie Kasachstan stammen, hätten schlechte Erfahrungen mit Muslimen gemacht. "Und viele bringen ein sehr konservatives, teils überkommenes Deutschlandbild mit. Und nun ändert sich dieses Deutschland schneller als man denkt." Das heiße nicht, dass alle AfD-Wähler, auch die unter den Russlanddeutschen, rechtsradikal seien. "Das ist ein Aufschrei."

Das Muster lässt sich nicht nur in Lahr oder Augsburg feststellen. Ähnliches haben Analysen in anderen Städten ergeben, etwa in Pforzheim oder in Freiburg. Die Uni-Stadt im Südwesten ist so dunkelgrün wie der Schwarzwald, der Oberbürgermeister ein Grüner, die Grünen erreichten hier gut 21 Prozent. Und doch liegt die AfD in zwei Wahlbezirken bei mehr als 17 Prozent. Genau in den Wahlbezirken, in denen mit Abstand die meisten Aussiedler leben. Laut Wahlanalyse war gut jeder vierte AfD-Wähler in der Stadt Aussiedler.

Viele Russlanddeutsche fühlen sich vergessen, so zumindest klingt Dimitri Korostylev, der CSU-Mann aus Augsburg. Bei den vielen Gesprächen mit Russlanddeutschen bekam er immer wieder die Verärgerung über die Flüchtlingspolitik zu hören, von Menschen, die früher selbst aus einer schwierigen Lage nach Deutschland kamen: "Bei uns hat keiner ein Willkommens-Schild hochgehalten", heißt es dann. Von den Flüchtlingen war viel die Rede gewesen. Die Russlanddeutschen, die sich gut integriert hätten, interessiere dagegen kaum noch jemand.

In Augsburg habe die AfD kaum Wahlkampf gemacht, sagt Korostylev. Er will kämpfen. Aber er fragt sich: "Wie soll das nur nächstes Jahr werden, zur Landtagswahl in Bayern?" Wenn die AfD anfängt, aktiv um Stimmen zu werben.

Roland Preuß

Roland Preuß, Jahrgang 1973, betreut die Seite 2, das Thema des Tages. Für die SZ hat er die Landespolitik in Nordrhein-Westfalen beobachtet, etliche Integrations- und Islamgipfel, die Plagiatsfälle Guttenberg und Schavan recherchiert und manche Aufreger der Bildungspolitik begleitet, vom Grundschülerstress über das achtjährige Gymnasium bis hin zur Exzellenzinitiative von Bund und Ländern. Roland Preuß hat Geschichte, Volkswirtschaft und Philosophie studiert und ist Absolvent der Berliner Journalistenschule (BJS). 2012 erhielt er den Goethe-Medienpreis für wissenschafts- und hochschulpolitischen Journalismus. Nach der Zeitungslektüre lassen Berggipfel und Kinofilme sein Herz höher schlagen.